a l e x a n d e r_p o s c h


Das richtige Leben

"Im Garten ist eine Amsel", sagt meine Frau und sie wirkt angewidert oder labil oder beides zusammen. Auf alle Fälle schwankt sie. Im Fallen schiebe ich ihr einen Stuhl unter. Wir haben das früher mal zusammen geübt, als wir noch nicht wußten, was aus uns wird. Aber für's Fernsehen hat's dann doch nicht gereicht.
"Wir haben doch häufig Amseln im Garten", sage ich. "Ich meine, wir haben sogar ausschließlich Amseln im Garten."
"Ja", haucht meine Frau, "aber diese Amsel ist tot". Meine Frau wirkt, als hätte sie gerade den Ärmelkanal durchschwommen. Die Lippen beben. Ihre Stimme kommt ganz leise aus ihrem blassen Mund. Das bleiche Gesicht ist so expressiv vor dem dunklen Hintergrund ihrer Haare. Ich fühle mich angeregt und tänzel ein wenig mit abwechselnd in die Luft gestreckten Armen um den Stuhl herum. Als Kind galt ich als hyperaktiv. Ich hatte Konzentrationsschwierigkeiten. Auch heute fühle ich mich manchmal, als fließe Kaffee statt Blut durch meinen Körper.
"Nun sei doch mal ruhig und konzentrier dich!", ermahnt meine Frau mich.
"Ja, tot - und?!" Ich zucke mit den Schultern.
"Ich kann das nicht", sagt sie.
Wir sind doch erwachsen, will ich sagen, so ein Mist, wir machen doch auch all die anderen Dinge. Ich höre auf zu tanzen. Den Kindern die blutigen Knie ablecken, den Matsch aufessen, den der Kleine auf seinem Teller übrigläßt und auch so Dinge wie Geschlechtsverkehr. Sachen, die riechen. Sachen von einer fragwürdigen Konsistenz. Es geht im Leben ja nicht darum, nur zu tun, was ästhetisch wäre, irgendwie schön und intellektuell, weit weg von dieser Welt. Amseln fallen halt vom Himmel, denke ich, sonst könnten wir ja auch Drogen nehmen, oder so. Aber das behalte ich für mich, den ganzen schönen Gedankengang, denn bei uns ist das so aufgeteilt: Alles Tierische und alles was stinkt, das ist mein Gebiet. Für die anderen Dinge ist meine Frau zuständig, z.B. fürs Geldverdienen, für die korrekten Farben in den Blumenrabatten, und dass wir bei Partys den Leuten richtige Geschenke machen, nicht so'n Dreck schenken wie ich, Comics vom Flohmarkt, bunte Keramik aus Drittweltländern - Zeug, was richtige Leute im richtigen Leben nicht brauchen. Ich bin der Träumer bei uns, sie ist die Praktische. Nur wenn etwas tot ist, krank oder sonstwie nicht richtig funktioniert, dann werde ich gefragt.

Also gehe ich raus in den Garten zum Apfelbaum, unter dem meine Frau Fallobst auflas, bis sie die Amsel sah. Die Amsel liegt da mit ausgebissenen Augen. Prächtige schillernde Fliegen stieben auf, als ich mich nähere. Ich nehme die Amsel hoch. Unter ihr ist das Gras braun, und die dummen Fliegen suchen irritiert das von mir entwendete Aas auf dem platten, braunen Wiesenfleck. Der Vogel ist überraschend leicht, sein Gefieder ganz weich. Ich puste hinein. Das Gefieder bauscht sich auf. Ich fühle mit dem Zeigefinger unter einen Flügel. Ganz puschelig ist der Bauch. Einige weiße Maden fallen zuckend ins Gras. Sie bewegen sich eckig und überhaupt nicht vogeladäquat. Ich könnte sie zertreten, denke ich, aber eine Tote reicht. Ich lege die Amsel auf die Plastikkehrschaufel und trage sie zum hinteren Teil des Gartens, da wo er an die Gleise der Fernbahn grenzt. Ich puste noch einmal ins Gefieder. Ein Zug rauscht durchs Bild. Ich halte die Kehrschaufel mit der Amsel in seinen Fahrtwind. Wieder bauschen sich die Federn. Keine Frage, es bereitet mir Befriedigung, dieses Aufbauschen. Schließlich hohle ich aus, wie ein Riefenstahldiskuswerfer so weit, und reiße dann überraschend meinen Arm katapultartig nach vorne. Die Amsel, Köpfchen voraus, beschreibt eine ordentliche Flugbahn, wird aber durch einen Ahornzweig am Überfliegen des Bahndamms gehindert und verschwindet mit dem entsprechenden Geräusch im Laub.
Zurück im Haus reden wir nicht mehr über den Vorfall. Schon gar nicht vor den Kindern. Sie wollen dann nur alles nachahmen. Nach dem Mittagessen belausche ich eine Unterhaltung meiner beiden Töchter im Bad. Die ältere putzt auf das Kaka-Kommando der Jüngeren deren Hintern ab. Als die Ältere das Toilettenpapier in die Schüssel wirft, bezweifelt sie empört die Aussage der Jüngeren. "Du hast ja gar kein Kaka gemacht!"
"Hab ich doch!"
"Nein, hier ist nichts im Wasser."
"Aber Kaka schwimmt doch nicht, oder?", antwortet die Jüngere. Ich überlege kurz. Erinnere Fernsehbilder von überquellenden Kanalsystemen, Hochwasserkatastrophen, die die Fäkalien an die Oberfläche treiben, aber ob Scheiße schwimmt - es käme auf einen Versuch an. Und ich denke an die Nachlässigkeit meiner Töchter im Umgang mit der Klobürste, die gleiche Nachlässigkeit beim Bedienen der Spülung, wie auch bei der Dosierung des Toilettenpapiers. Ich sehe mich die allabendlichen weißen Unterhosen mit den brauen Streifen meiner Kinder die Treppe heruntertragen. All diese eckligen Dinge sehe ich, die meine Frau genauso erledigen kann, wie ich. Problemlos. Und ich denke an die Amsel, und dass meine Frau das nicht kann. Genausowenig kann wie Spinnen, Schuster, Kellerasseln und Frösche. Dann mit angewinkelten Beinen im Bett sitzt und mich ruft. Schnecken kann sie komischerweise.

Am Abend im Bett lese ich meiner Frau aus dem Buch vor, in dem der ungeliebte jüdische Junge von dem halb erstarrten orientalischen Gemüsemann adoptiert wird. Das Buch besteht aus einer Aneinanderreihung verschiedener Traurigkeiten. Schließlich reist die frischgebackene Zweikopffamilie mit dem Auto in die Heimat des Gemüsemanns. Der Gemüsemann kann aber gar nicht Auto fahren, prallt gegen ein Haus und ist tot. Meine Frau und ich müssen wieder weinen und reichen uns das Buch hin und her. Wer gerade nicht schluchzt, muß weiterlesen. Das Buch ist unsäglich traurig, finden wir. Es hört dann zwar auf, nicht so schlimm, wie wir finden, aber dennoch.
"Hector liest nie solche Bücher", sage ich, "er liest überhaupt keine Bücher. Weil alle immer so traurig sind. Hector guckt immer nur Haudrauffilme im Kino. Er liebt Spezialeffekte, und er haßt Gefühle", sage ich. "Ich glaube, er hat nur Angst davor zu weinen."
"Nur wir weinen, wenn wir uns Bücher vorlesen", sagt meine Frau.
"Mhhh", mache ich. Und dann beginnt eine Stille, weil wir schon müde sind vom Tag mit den Kindern, und wegen der Traurigkeit in den Büchern, und weil es Nacht geworden ist.
"Es ist doch nur ein Märchen", sagen wir wie aus einem Mund in die Stille hinein. Und kurz darauf, noch einmal synchron: "Gute Nacht." Und dann schlafen wir.

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