a n d r e a_r o t h a u g


Auszug aus dem Roman
Frierkind
Eichborn Verlag 2005

Wie die andern sein, dachte Max. Nicht anders als die ganzen andern sein. Da gab es Konventionen, wusste er. Schöne Konventionen. Jeden Abend dasselbe Mädchen küssen. Jeden Morgen Pausenbrot essen. Wochenenden im Sonnenschein. Mit den eigenen Bälgern an der Hand, die Jahr für Jahr aus seinem Schoß flutschen würden. Bildschöne Konventionen. Seine Mutter hatte ihn gelehrt, sie weder ein- noch auszuhalten. Aber sie begleiteten sein Leben. Ob Traum oder Wirklichkeit. Feindbild oder Zielgerade. Mit der Konvention kannte er sich aus. Man konnte sich gut hinter ihr verstecken, wusste Max. Unsichtbar sein. Das war eine Vorstellung. Max sah aus dem staubigen Fenster. Verdammter Sommer. Knallte einfach jeden Tag mit der gleichen Wucht ins Fensterloch. Jeden Tag. Von morgens bis abends. Einfach so. Warum konnte es diesen Sommer nicht regnen? Solange es regnete, wusste er, kam alles wieder in Ordnung.

Copyright Eichborn Verlag 2005

online: www.eichborn.de

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