a n d r e a s_m e l c h n e r


King for a day

211. Auf der Anzeige steht 211. Das steht für Nummer 211, bitte eintreten. Ziemlich wenige Leute hier. 11 Uhr und leere Flure. 4 Millionen Arbeitslose und nur eine handvoll Orientierungslose vereinzelt auf den Stühlen. Der Zettel in meiner Hand sagt Nr. 230.

Was für ein Tag? Haben sie sich schon mal gefragt, wie der schlimmste Tag ihres Lebens aussehen könnte? Der Tag an dem sie sterben? Nein, der wird es nicht sein. Das wahre Drama ist nicht der tragische Moment an sich. Tragisch sind die Konsequenzen und das Tragen der Konsequenzen. Tot lässt sich schlecht nachdenken. Und für den Fall, dass der Tod nicht endgültig ist, müsste man sich wohl freuen, dass das Ende so endlos ist. Ich hätte nicht so viel trinken sollen. Eine Flasche zum Frühstück. Aber die Post war schuld. Ein rotes Couvert:

Sehr geehrter Herr Paul,
das Arbeitsamt Hamburg freut sich Ihnen mitteilen zu können, dass wir endlich die neue Software namens "Job Guarantee" implementieren konnten. Diese neue Technologie zur Arbeitsvermittlung ermöglicht es uns, die Fähigkeiten, Stärken und Erfahrungen des Arbeitssuchenden marktgerecht zu analysieren und zu bewerten. Anhand der Ergebnisse dieser Analyse erstellen wir eine Rangliste aller Arbeitssuchenden, die dann von Position 1 beginnend vermittelt werden.
Weiterhin können wir ihnen mitteilen, dass Sie zu den ersten 1000 Personen gehören, deren Daten in die neue Software eingespeist wurden. Im Folgenden finden Sie ihr Ergebnis.
Sie befinden sich auf Position 4.230.107
Mit freundlichem Gruß
Herr Willens


4.230.107. Wie kann das sein? Bei 4 Millionen Arbeitslosen. Und eintausend Daten. Dann begann es zu wirken. Position 4 Millionen zweihundertdreißigtausendundeinhundertsieben.

Wie ich diese Wartesaale hasse. Nummer ziehen und warten. Wieso sollte es auch schneller gehen, dieses Mal? Ausgerechnet dieses Mal. Nummer ziehen und warten, du kennst die Regeln. Das kleine Papier sagt immer noch 230. Die Anzeige springt auf 212 und mir direkt gegenüber sitzt einer auf einem Stuhl, obwohl der ganze Scheißraum verwaist ist. Er reißt mich aus meinen Gedanken. Sein schäbiger Mantel ist vom Regen durchnässt. Fein. Es regnet.

Heute Morgen war ich ziemlich unruhig. Ziemlich unruhig. Position 4 Millionen zweihundert … Früher hätte mich so eine Nachricht nicht ausgeknockt. Aber innerhalb von 2 Monaten alles zu verlieren, was man sich in seinem Leben aufgebaut hat, macht unruhig. Und das Einzimmer-Apartment bot keinen Auslauf. Allerdings hatte man bei diesem Wohnklo mit Kochnische immer alles im Blick und in Reichweite. Bett, Klo, Kühlschrank. Die Wände waren nackt und dreckig. Auf dem Boden eine Matratze und der kleine Fernseher aus meinen Studientagen. Der Tisch noch vom Vormieter. Samt Löchern von Kerzen, die sich in den Tisch gebrannt hatten. In der Ecke auf dem Boden ein Karton. Meine Frau hatte mir das nötigste im Karton vors Haus gestellt, bevor die Schlösser getauscht wurden. Der Karton mit meinen Sachen. Meinem Leben.

Der Typ in seinem schäbigen Mantel starrt mich an. Das kann ich spüren, trotz geschlossener Augen. Seit er da sitzt, starrt er mich an. Ich fühle es. Der sollte besser aufpassen, wen er anstarrt. 213. Die Anzeige zeigt 213. Und der Typ glotzt mich an.

Meine Frau hatte mich rausgeworfen. Weniger wegen dem verlorenen Job, Neuanfang bedeute eben Neuanfang, sagte sie. Und der Karton war ihre Art mir auf Wiedersehen zu sagen. Anfangs hatte ich ihn links liegen lassen. Wie mich mein altes Leben. Aber gestern hatte ich ihn wut- und wodkaentbrannt durchsucht. Da war mir die Pistole in die Hand gefallen, die jetzt auf dem Fenstersims lag. Zum Abschied habe ich sie bekommen, die HK SL 8. Nach 19 Jahren, in der Entwicklungsabteilung von Heckler & Koch.

Der Typ und sein schäbiger Mantel. Was sieht der mich an? Nummer 217 und immer noch stiert er mich an. Was will der von mir? Der sieht mich an, als ob ich ihm helfen könnte. Wie soll Dir einer helfen, der um 11 Uhr morgens besoffen auf dem Stuhl hin und herrutscht, eine Pistole im Mantel? Wie soll der Dir helfen?

Die HK SL 8. Das Schreiben und die Flasche auf dem Tisch. Die Pistole auf dem Sims. Und das rote Couvert. Mein Urteil. Das Arbeitsamt als jüngstes Gericht. Nummer 4.230.107. Herr Willens. Viermillionenzweihundertdreißigtausend.

Nummer 219. Nummer 219 bitte eintreten. Was willst du von mir? Warum starrst du mich an? Als ob ich für Dich was tun könnte. Pass du nur auf, mein Freund, gleich tobt hier ein Sturm.

Als die Flasche leer war, griff ich das Schreiben, die Pistole und meinen Mantel. Der Schlüssel blieb liegen. Vor dem Arbeitsamt hielt ich kurz inne und betrachtete dieses ehrwürdige Gebäude. Ein Gericht.

220 und immer noch starrt er mich an. Ohne Pause, ohne Ruhe. Eigentlich sind die Kugeln für Willens und mich. Aber es reicht. Jetzt reicht es. Das Adrenalin sucht sich seinen Weg durch meinen Körper. Mein Herz rast. Du mein Freund, du hast dich nun lang genug um eine Kugel bemüht. Du hast dir den falschen ausgekuckt. Das Adrenalin pulsiert in meinen Venen. Jetzt bist du fällig. Meine Hand fasst die Pistole in meinem Mantel, führt sie sicher aus der Tasche an meinen Kopf, ehe ich schieße.

Das letzte, was ich sehe, ist der Spiegel mir gegenüber und das Blut, das aus meinem Kopf strömt.

Andreas Melchner - online

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