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Auszug aus dem Buch
Geographien
1.
Armando ist Zweitgenerationsportugiese, Einzelkind, fünfunddreißig Jahre alt, und hat
innerhalb eines einzigen engen Quadratkilometers in Genf seine Kindheit durchlebt, die
Schulen durchlaufen, vor fünfzehn Jahren seine luxemburgische Frau kennen gelernt, und mit
Freunden und seiner Frau zusammen ein Filmstudio gegründet. Seine Eltern, die vor bald
vierzig Jahren als Fremdarbeiter in die Schweiz gekommen waren und über deren endgültige
Rückreise an die Algarve er einen Dokumentarfilm gedreht hat, fühlen sich in Portugal
unten nun glücklich, nicht mehr als Fremde in einem fremden Land leben zu müssen. Armando
selber fühle sich mehr oder weniger wohl, da wo er sei, hat er mir einmal erzählt. Vor
einem Jahr ist sein unbeaufsichtigter dreijähriger Sohn vom Balkon gestürzt, seither habe
ich von ihm nur gehört, er habe sich erstaunlich gut gefangen, reise viel herum und habe
eine neue Frau, zehn Jahre jünger als er, gebürtige Genferin; und umgezogen sei er auch,
allerdings kaum ein paar hundert Meter weiter. Wie sich der Tod seines Kinds sonst noch
auf seine geografische Affinität ausgewirkt hat, weiß ich nicht.
Copyright Verlagsbuchhandlung Liebeskind 2005
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