a n d r e a s_m ü n z n e r


Auszug aus dem Buch
Geographien

1.
Armando ist Zweitgenerationsportugiese, Einzelkind, fünfunddreißig Jahre alt, und hat innerhalb eines einzigen engen Quadratkilometers in Genf seine Kindheit durchlebt, die Schulen durchlaufen, vor fünfzehn Jahren seine luxemburgische Frau kennen gelernt, und mit Freunden und seiner Frau zusammen ein Filmstudio gegründet. Seine Eltern, die vor bald vierzig Jahren als Fremdarbeiter in die Schweiz gekommen waren und über deren endgültige Rückreise an die Algarve er einen Dokumentarfilm gedreht hat, fühlen sich in Portugal unten nun glücklich, nicht mehr als Fremde in einem fremden Land leben zu müssen. Armando selber fühle sich mehr oder weniger wohl, da wo er sei, hat er mir einmal erzählt. Vor einem Jahr ist sein unbeaufsichtigter dreijähriger Sohn vom Balkon gestürzt, seither habe ich von ihm nur gehört, er habe sich erstaunlich gut gefangen, reise viel herum und habe eine neue Frau, zehn Jahre jünger als er, gebürtige Genferin; und umgezogen sei er auch, allerdings kaum ein paar hundert Meter weiter. Wie sich der Tod seines Kinds sonst noch auf seine geografische Affinität ausgewirkt hat, weiß ich nicht.

Copyright Verlagsbuchhandlung Liebeskind 2005

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