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Spiritus sanctus
Da ist er nun!
Ein Mann von zirka ... fünfunddreißig (?) Jahren.
Der steht und dreht sich, geht fünf Schritte, steht und weicht zurück, prescht vor,
macht kehrt, fünf Schritte, sechs, auch mehr und predigt,
predigt teils nur tauben Ohren, teils den Tauben.
In jedem Fall: Der Raum um ihn herum bleibt ziemlich menschenleer,
als hielten er und Jesus auf Distanz,
als sei ein Bannkreis unsichtbar um sie gezogen, in dem er
- mit der Bibel in der Rechten - steh'n und gehen darf.
Mit lauter Stimme predigt er.
Die schwingt sich lodernd auf in die mit Bachmusik erfüllte, laue Luft
des nur vom Bahnhofsvordach abgeschirmten lautern Himmels,
springt aber züngelnd auch nach unten in die Tiefe eines S-Bahnschachts.
- Dass sie in dem Gewimmel all der Reisenden zum Glauben eine Seele neu entfacht,
das meint hier sicher niemand und am wenigsten wohl er. -
Allein,
ein Greis, der bisher wankend streunte, scheint gerne zuzuhören.
Jedenfalls,
er findet sich als Zaungast ein,
lehnt rücklings sich an einen Pfeiler,
weil er so gänzlich frei zu steh'n wohl nicht so recht imstande ist, und,
je nachdem, ob ihm behagt, was der da sagt,
wiegt er den Kopf und wackelt schnalzend oder nickt im Takt
und manchmal krächzt er laut vernehmbar: "Jajaja!"
Ob dadurch angefacht und angestachelt,
ob ihn des Greises Laute stören oder nicht,
es schreit der Prediger,
wobei sein glattes Haupt ganz rot und roter, ganz puterrot erglüht von Schrei zu Schrei
und seine Worte dröhnen immer heiserer dabei.
Dabei gerät er vollends nun in Fahrt:
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Worte peitschend rast er fast. Faust fährt himmelwärts,
stößt, ja, stürzt schon wieder nieder. Wider Jesu Erzfeind Satan,
wider diese harsche Welt zieht er barsch und hart zu Feld
und sprengt längst in apokalyptischem Ritt durch Markus, Rut, Lukas,
nimmt Micha noch mit
und puzzelt mit Verve sehr versiert Vers an Vers
ein Schreckensbild des die Welt gar so mit Arglist verderbenden Luzifers.
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Unbeeindruckt von dem Vortrag und als wollt' der Alte sagen:
Das, was der kann, kann ich auch,
reißt der sich mit voller Kraft vom Pfeiler ab und schafft
- fast schon erfreut, dass ihn die Klapperbeine tragen -
die ersten Schritte beinah fehlerlos.
Die nächsten wollen da schon weniger gelingen.
- Zum Glück fing ein Passant, der eben noch dort ging, ihn auf. -
So aufgerichtet, breitet jetzt der Greis zu Schwingen die Arme aus und nimmt im Tiefflug,
trudelnd zwar - fast wär' er doch gestrauchelt -
des Pred'gers unsichtbare Festung ein und landet.
Hier nun steht er vier, fünf Meter von dem Prediger entfernt,
blickt sich stumm nun in der Runde um,
und offeriert, ja, präsentiert sich fast bigott, dem - ach - so gottesfernen Publikum.
So, als gelte es, auf seine Art den
- wen und was auch immer - hier zu loben, singt er,
was wiederum den Prediger nicht grade gnädiger in seiner Verswahl stimmt.
- Schon droht der nämlich mit entsetzlich fiesen Sätzen eines Evangeliums. -
Wie dem auch sei:
Das ficht den alten Gauch nicht an. Der singt sich frei.
Der Text klingt sehr verschroben, ja, unverständlich,
Nur einmal hört man deutlich "Reeperbahn".
Er singt ...
Was heißt da singen? Nein, er plärrt.
Die Melodie ist jeder Kenntlichkeit enthoben. Egal:
Er plärrt jetzt gegen diese Predigt an.
Das bringt den Prediger in Rage.
Dies macht nun wiederum den Alten froh und plötzlich klingt es so,
als seien beide ein disparates Paar aus Noahs Arche-Zoo:
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Kläfft und bellt der Prediger, bäht und kräht der Greis,
laut miaut und jault er lauter sehr versautes Zeugs.
Faucht der junge Bibelworte, quakt der alte Mann.
Schnatternd bald, bald balzend fängt der schwankend an zu tanzen zu dem Bachgedudel. Dann ...
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plötzlich halten beide inne.
Zum Gebet der Prediger beugt sein rotes Haupt, alldieweil der Alte sucht,
sucht in seiner Hosentasche "den ... , na,
krutßifix, wo issa? umss vareck'n, eivärfluch! ...
Inner rech'nn musser steckn oär hin'nn?"
Und er sucht am Gesäß: "...da issa auch nich!"
Lallend sucht er, sucht und flucht und er nestelt weiter oben,
fingert in der Jackenta- ... "ah, da issa! ... ja, das issa!"
Spiritus, welch Gloria!
Denn er zieht jetzt einen Flachmann aus der Jackentasche raus
und er schraubt den Deckel mühsam, langsam schraubt er, schraubt und schraubt.
Er ist auf, der kleine Flache, und er leert ihn gluckernd nun in nur einem Zuge ...
aus.
Und es folgt ein breiter Rülpser und ein zweiter und ein Hicks.
Nochmals hickst er, grunzt ein wenig, tiefer Atemzug, dann ...
nix.
Danach aber geht es fix:
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Augen lassen Weißes seh'n, Hals knickst ab nach vorn,
Oberschenkel, Waden haben schnell an Kraft verlor'n,
Knie werden seltsam flauschig, Arme baumeln schwer,
Mund erschlafft, ein Speichelfaden flattert hin und her.
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So betrunken, eingesunken, schnorchelnd steht (!) der Greis
und schon schreit der Prediger was von Jesus,
Leben geben, ganz für euch, für uns gegeben,
anvertrauen, anzuschauen, Kreuz aufheben und entschweben,
fortan nicht in Sünde (k)leben ...
- Sagte er soeben "kleben"? -
Nun, wie dem auch sei,
Zeit bleibt kaum, die Worte zu verdau'n. Denn ...
zeigte eben erst der Greis
- der ist mehr als breit bereits - die Bereitschaft, sich bei Gott vor der Welt zu übergeben,
lässt er seinem innern Streben nunmehr vollends freien Lauf:
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Augen springen glupschig auf. Wangen plustern sich.
Konvulsivisch zuckt der Bauch. Schmerz verzerrt Gesicht.
Magendrücken krümmt den Rücken, so gebückt schießt saurer Brei
schlund- und mundwärts und die Lippen, die bisher verschlossen blieben,
stieben auf und geben nunmehr mehr als einen Mund voll von der trüben Brühe frei,
dass es nur so schwallt,
spritzt,
kleckert.
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Übrigens, ganz nebenbei:
Die hier nun mit Stückchen Ausgespienem besprenkelt steh'n und geh'n,
sind nicht allein des Greises Hosenbeine, nein.
Hast du die Schuhe dieser Frau geseh'n?
Kaum, dass man wegschaut, ist der Alte fort, verschwunden.
- Ich glaube, der da hinten, ja, das ist er, ja, das wird er sein. -
Mit einem strammen Amen abgerundet, hat auch der Prediger die Predigt schnell erledigt.
Erledigt packt er seine Bibel wieder ein und geht.
Zwei Tauben haben ihre Mahlzeit längst gefunden
und würgen säuerliche Magenreste in sich rein. Naja,
der Rest der Pfütze trocknet - so Gott will - dort ohnehin bald ein.
Ich gehe auch und frag' mich schadenfroh
- gewiss, kein feiner Zug von mir -,
ich frag' mich also:
Wenn der Greis noch heute was zu Abend isst,
ob er wohl weiß, dass dort (!)
- fragt sich, wie lange noch -
sein Oberkieferteilgebiss zu finden ist?
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