|
Vom Gesang
Neuerlich hat mich ein Gesang verschreckt. Von unparteiischen Winden gratis befördert,
drangen Schallwellen eindeutiger Codierung durch die Ritzen meines Küchenfensters und
zerschellten an meinem unvorbereiteten Ohr. Ihre Botschaft zu entschlüsseln und die
nötigen Schlußfolgerungen zu ziehen war eins. Keine Frage, es handelte sich um Gesang.
Man schrieb den 23. Juni des vorliegenden Jahres zur Mittagszeit.
Dies war eindeutig nicht erlaubt. Besorgt hob ich den Blick; sollte ein Wahnsinniger in
mein Viertel zugezogen sein? Man würde auf der Hut sein müssen. Mit der Brechung einer
zweiten Schallwelle an meinem Ohr zerbarsten diese Befürchtungen jedoch im Handumdrehen;
es handelte sich gottlob um eine ausgebildete Stimme.
Ob Gott dafür zu loben war, würde sich freilich noch erweisen müssen, aber immerhin: Die
Gefahr für Leib und Leben schien gebannt.
Es hat der klassisch ausgebildete Sänger in unserem Land eine Sondergenehmigung, die ihm
sowohl die Kenntnis umfangreichen Liedgutes als auch den Einsatz der Stimme zu Sangeszwecken
jederzeit und allerorts gestattet.
Der gelernte Sänger macht von dieser Sondererlaubnis auch gerne und schonungslos Gebrauch.
Nicht kennt er den Nachbarn noch den Verwandten. Mögen auch Unverständnis und Kopfschütteln
seinen Weg säumen, die Gesangspolizei läßt den Sänger unbehelligt, wo auch immer es ihn
danach verlangt sich Erleichterung zu verschaffen.
Vor wenigen Tagen fand es sich, daß ich im Fernsehen Bio`s Kochstudio sah. Bioleks Alfred
kochte da zusammen mit der noch sehr jungen Sängerin Sandra Schwarzhaupt, deren Künsten
ich ansonsten von Herzen zugetan bin. Sie hatte aber die Angewohnheit in jedem redefreien
Moment Stimmproben zu nehmen. Auch den Herrn Biolek mutete dies sonderbar an und er fragte
beiläufig , wieso sie denn alle paar Sekunden die Gesangsstimme erhebe. Es sei, erklärte
Miss Schwarzhaupt, so, daß sie andauernd überprüfen müsse, ob ihre Stimme noch da sei und
anginge.
Ich stellte mir sogleich vor, wie es wohl um einen Pianisten bestellt wäre, der unter dem
Zwang stünde, alle fünf Minuten sicher gehen zu müssen, daß sein Flügel noch an Ort und
Stelle verweile. Er bekäme nicht viel von der Welt zu sehen, das steht fest. Seine
Wohnung und das Narrenhaus, weiter käme er fraglos nicht.
Vor einer geraumen Zeit stand ich einmal vor dem Eingang meines Hauses, soeben bemüht die
Haustür zu öffnen. Hinter mir und auf der anderen Straßenseite ertönte plötzlich lauter
Gesang. Es war helllichter Nachmittag und die Vögel sangen. Die dürfen das ja. Aha, dachte
ich, eine Irrsinnige. Und drehte mich um, damit ich nachsähe. Tatsächlich schritt da eine
Frau mittleren Alters einher, barfuß, angetan mit einem wunderlichen Kleid und mit
unzusammenhängenden Gesichtszügen. Sie schien guter Dinge zu sein, weshalb sie gesungen
hat.
Auch uns Normalen mag manchmal nach Singen zumute sein, aber wir wissen, daß wir uns
zusammenreißen müssen. Wenn uns der Gesang zu übermannen droht, halten wir uns zurück bis
wir die rettende Badewanne erreicht haben, oder wir treten einem der dafür vorgesehenen
Vereine bei, die solche Neigungen in geordnete Bahnen lenken. Oder wir warten ab, bis wir
auf dem Nachhauseweg sind, Nachts, so gegen drei Uhr, wo wir uns dann schon mal, freilich
vom Geist starker Getränke ermutigt und nie allein, in die Herzen der Anwohner singen.
Dies wird zwar als Ruhestörung, jedoch keineswegs als Gemütsentgleisung empfunden. Weshalb
die solchermaßen vom Nachtschlaf befreiten unsere Bemühungen normalerweise mit einem quasi
wutentbrannten Augenzwinkern goutieren.
Aber uns geht’s ja noch gold. Wir kennen wenigstens noch ein, zwei Lieder für den Notfall.
Unsere Kinder jedoch schauen in den Mond den sie nicht besingen können.
Die kennen ja gewöhnlich keine einzige Melodei mehr. Als Musiklehrer weiß man davon ein
Lied zu singen. Selbst Hänschen klein kann nicht mehr als bekannt vorausgesetzt werden.
Daran ist mal wieder Adolf Hitler schuld. Indem er unsere Volkslieder zwecks Deutschtümelei
an sich zu reißen verstand, hat er’s den Nachfolgegenerationen gründlich versaut. Denen
sind kühle Wiesengrunde seither ein Abgrund. Was mögen unsere Kinder wohl dereinst auf
dem Nachhauseweg intonieren? The Real Slim Shady vielleicht? Gutes Lied aber schwerer Text.
Please stand up, please stand up.
|