a n j a_k ü m m e l


Dreimal pro Woche nehme ich den Fahrstuhl im Hauptgebäude der Psychiatrie und fahre hinauf in den 6. Stock. Dort sitzen wir im Halbkreis um einen Fernseher. Die Außenwand des Raumes ist ganz aus Glas. Wenn man steht, kann man Bäume und die Dächer der Stadt sehen. Wenn man sitzt, nur den Himmel. Der ist immer grau um diese Jahreszeit, so dass die Dämmerung kaum auffällt. Die Baumwipfel enden kurz unter uns. Wenn ich die Filme kenne, schaue ich den schwellenden Wolkenmassen draußen zu, ohne den Kopf zu wenden. Wenn es stürmt, stieben sie vorüber wie Herden grotesker Elefanten. Sie überrennen einander in dem vergeblichen Versuch, dem Entsetzen ihrer Leiber zu entfliehen. Der Strom reißt nie ab.
Dorthin fahre ich.
Das vertraute Geräusch eines hin und her springenden Tischtennisballs verfängt sich im Fahrstuhlschacht. Es kommt aus dem 4. Stock. Es kommt immer aus dem 4. Stock. Nicht zum ersten Mal frage ich mich, ob es denkbar ist, dass eine Verbindung zwischen Wahnsinn und Ping-Pong besteht.
Einmal öffneten sich die Türen im 4. Stock. Zigarettenrauch quoll mir entgegen. Das Springen des Balls wurde unerträglich laut, obwohl ich weder die Platte noch die Spieler hinter den Rauchschwaden ausmachen konnte. Jeder Aufprall klang hohl und hart und bereitete Kopfschmerzen, als würde man sehr schnell hintereinander sehr kalte Luft durch die Zähne ziehen. Zwei Männer stiegen zu, ein Dicker und ein Dünner. Sie musterten mich unverhohlen, während hinter ihnen die Türen den Nebel abklemmten. Ihre Blicke drängten mich an die jenseitige Wand. "Schöner Mantel", sagte der Dünne, als sich der Fahrstuhl in Bewegung setzte. Wenn ich das gesagt hätte, hätte ich es ironisch gemeint. Aber er klang ganz ernst. Ich sah an meinem unförmigen grauen Wintermantel mit den vielen Taschen hinab, ohne etwas zu erwidern. "Wie viele Taschen der wohl hat?" fragte der Dicke. Ein Grinsen, das ich weder deuten konnte noch wollte, hing in seinem Mundwinkel. "Ich habe sie noch nicht gezählt", gab ich schroff zurück. Meine linke Hand zerknüllte etwas Viereckiges, Scharfkantiges in einer der Seitentaschen. Ein Flyer, den ich vor etlichen Nächten eingesteckt und dann vergessen haben musste. Einer, den man lieber umgedreht auf den Tisch legt, selbst wenn man allein zu Hause ist. Die beiden Männer schwiegen, bis mich der Fahrstuhl im 6. Stock ausspuckte.
Ich frage mich, ob die Verrückten aussteigen können, wo sie wollen. Auch dort, wo die Ärzte ihre Büros haben. Wo die Seminarräume sind. Was, wenn einer auf die Idee kommt, Amok zu laufen.
Vielleicht, denke ich, beruhigt Ping-pong die Nerven. Vielleicht sollte ich es einmal ausprobieren, vor dem Zubettgehen. Tatsächlich macht mich das Geräusch müde. Mehr als müde. Allein das Echo des springenden Balls, das den Fahrstuhlschacht hinabrinnt, wenn ich den 4. Stock hinter mir lasse. Das ist jedes Mal so. Jedes Mal frage ich mich, wie ich es schaffe, im 6. Stock hinauszutreten. Die Türen gleiten auf, und mich überkommt das Gefühl, als könnte ich mich in einer Ecke der Kabine zusammenrollen und einschlafen. Einfach schlafen. Tief und ruhig wie noch nie. Und weiter fahren. Immer weiter.

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