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Rahlstedt Remixed
Oder: Was uns der literarische Frühling bringt
"Sauber" flüsterte ich und verließ das Kölner Verlagshaus durch die imposante Glasdrehtür. Gerade hatte ich meinen ersten Buch-Deal unterzeichnet. Na ja, fast - zumindest war meine Kurzgeschichte in die Anthologie "Generation E.T.: Junge deutsche AutorInnen über Kindheit in den 80ern" aufgenommen worden, die der Verlag zum Herbst 2003 herausbringen wollte. Ich hatte eine echt hervorragende Geschichte über mein persönliches Erleben der Tschernobyl-Katastrophe geschrieben.
Auf der Rückfahrt nach Hamburg (ICE, Verlag zahlt!) sah ich gutgelaunt meiner großartigen Zukunft als Schriftstellerin entgegen. Einen ersten Roman hatte ich auch schon im Kopf: "Rahlstedt Remixed", eine Liebesgeschichte zwischen einem Medizinstudenten aus Othmarschen und einer türkischen DJane aus Rahlstedt. Zu Hause begann ich sofort, das erste Kapitel in die Tasten zu hauen, denn der Verlag würde ja sicherlich bald um Entwürfe bitten. Und schon klingelte das Telefon. Trixie, die PR-Frau vom Verlag, war dran. "Hi Trixie, was gibt's?", rief ich ganz locker-flockig in den Hörer. "Also, wir haben hier ein kleines Problem", antwortete Trixie ungnädig, "deine Biografie, die ist noch ein bisschen unspektakulär. Da musst du dir was einfallen lassen. Ich fax' dir jetzt mal ein paar Bios von deinen Kollegen rüber, dann siehst du, was ich meine. Die überarbeitete Version brauche ich spätestens morgen früh". "No Problemo", flötete ich ins Telefon, aber Trixie hatte schon aufgelegt. Kurz darauf ratterten drei Blätter durchs Fax.
Verstört nahm ich die erste Seite zur Hand und las: "Jim Maurer, 25, studierte Philosophie in München und San Francisco und arbeitete als Fliesenleger, DJ, Sushi-Koch und Gabelstaplerfahrer. Heute lebt er mit seiner französischen Frau in Berlin-Mitte, berichtet für MTV und singt in der Band 1000 Cowboys. Er schreibt an seinem ersten Roman ‚Liebesmüll'". Ich nahm das zweite Blatt aus der Faxmaschine: "Pia Frische, 27, studierte Bildende Kunst in Berlin und New York und arbeitete als Illustratorin, Bademeisterin, Kurzfilmregisseurin und Taxifahrerin. Heute lebt sie mit ihrer Tochter Lily in London und schreibt Drehbücher für den BBC. In Kürze erscheint ihr erster Lyrikband". Auf dem dritten Blatt stand nur: "Andrea Bibiana Meier, 28, studiert Germanistik mit Nebenfach Anglistik in Hamburg und kommt aus Bargteheide". Das war ich! Eine aussichtslose Langzeitstudentin, ein Landei, eine totale Null, eine Loserin. Ich fing an zu heulen. Nie würde was aus mir werden.
Völlig fertig setzte ich mich an meinen Küchentisch und zog eine Flasche Wodka an meine Brust - das Überbleibsel meiner letzten Hölderlin-AG. Mir musste nun dringend was einfallen, wenn ich meine literarische Karriere retten wollte, bevor sie überhaupt begonnen hatte. Ich dachte scharf nach - und erinnerte mich, dass ich ja auch schon diverse Auslandsaufenthalte und Nebenjobs hinter mir hatte. Während meines Studiums war ich mal für ein Gastsemester an der University of Hertfordshire gewesen, in der Suburbia von London. Und mindestens zwei Mal im Jahr fuhr ich nach Paris, um meine Schwester, eine Fremdsprachenkorrespondentin, zu besuchen. Gejobbt hatte ich als Modell für die Azubis beim Frisör in Bargteheide (weil ich so dickes Haar hatte) und als Pizza-Lieferantin. Ach ja, vor drei Jahren hatte ich mal ein Redaktionspraktikum beim Spiegel gemacht. Und in der 13. Klasse hatte ich sogar zusammen mit meiner Freundin Tina ein Theaterstück für unsere Abi-Feier geschrieben.
Nach vier Wodka in nur zehn Minuten war mein neues Ich aufbereitet: "Bibi A. Meier studierte Literaturwissenschaften in London und Hamburg. Sie arbeitete als Model, Theaterautorin, Kurierfahrerin und beim Wochenmagazin Der Spiegel. Heute lebt sie in Paris und bei Hamburg. In Kürze erscheint ihr erster Roman ‚Rahlstedt Remixed'". Das Leben konnte beginnen.
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