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Schafe
1.
Ihr Haarknoten ähnelt einem Schneckenhaus, die Strähnen um einen Punkt gewunden. Obwohl Anders mit ihr redet, dreht sie immer wieder den Kopf von ihm weg, er kann den Haarknoten betrachten, ihr Profil von der linken Seite, von der rechten - die Augen bekommt er kaum zu Gesicht. Selten, nur für Sekunden, blickt sie zwar in seine Richtung, doch über ihn hinweg, zur Flaschengalerie überm Tresen.
Niemand sonst meidet derart seinen Blick - nur seinen, oder schaut sie keinem in die Augen? Einer Gouvernante aus einem alten Film gleicht sie, streng, immer in langen Röcken, kein Mensch hat je ihre Beine gesehen.
Ihre Bewegungen sind sparsam - aber die Arme können auch voll Begeisterung reden: Wenn sie von ihren Schafen spricht - die hat sie mitgebracht, als sie herzog.
Eine Mieterin mit zwei Schafen habe er noch nicht gehabt, sagt der alte Henning immer und tippt sich an die Stirn. Diese junge Frau begeistert sich für nichts als zwei Schafe, die nennt sie ihre "Babys"!
Anders war einmal dabei, als sie die Schafe begrüßte. "Meine Babys", rief sie aus und vergaß Anders neben sich, er wurde zu einem Nichts, einem Niemand. Er trollte sich schließlich, sie bemerkte es nicht. Tina heißt sie, der Name kommt ihm vertraut über die Lippen, wenn sie nicht da ist.
Zwei Mal in der Woche besucht sie die Kneipe und bestellt Bier. Immerzu starrt sie dann aus dem Fenster, zum Deich, wo die Schafe stehen. Sie nippt am Bier, zeigt den Menschen in der Kneipe ihren Hinterkopf mit dem Dutt, der wie eine Schnecke aussieht. Jedes Gespräch mit Anders würgt sie ab - ein schnelles Wenden des Kopfes, ein nachlässig hingeworfener Gruß mit der rechten Hand. Das Wichtigste hat er noch nicht gesagt, nicht gefragt, denkt er dann erschrocken. Was hat Anders bislang aus Tina herausbekommen?
Dass sie in Hamburg in einem riesigen Bürohaus arbeitet, hat sie erzählt - als Hausdame.
Dort sorgt sie für frische Blumen auf allen Etagen, kauft Brötchen und Kaffee, deckt Tische für Konferenzen ein "und so weiter". Was "und so weiter" bedeutet, weiß er nicht .
Spät kehrt Tina meist heim - alle, die zur Arbeit in die Stadt fahren, kommen spät. Der lange Anfahrtsweg, die Überstunden werden immer mehr. Anders kennt das - er ist viele Jahre nach Hamburg gefahren, achtzig Kilometer hin, achtzig zurück. Morgens in einer Perlenschnur von Autos stecken, die sich auf die Stadt zubewegen. Staus immer montags, immer an Regentagen. Lange fuhr er zusammen mit einem Kollegen. Alle zwei Tage war er Beifahrer, lehnte den Kopf ans Fenster, starrte auf die Reifen der Fahrzeuge neben sich - die rotierten wie kleine Ventilatoren, die mit ihren Rotorblättern die Luft zerhackten und sie auszupressen schienen, dass das Wasser herausspritzte auf die Straße.
Tina könnte in seiner Kneipe arbeiten und Bier zapfen, da würde er den Haarknoten ansehen, die Ohrmuscheln, über die links und rechts zwei Strähnen hängen, symmetrisch. Er stellt sich vor, sie blickt immer nach draußen bei der Arbeit, zum Deich - ihre Gedanken umwölkt von Schafen, dass sie die Gäste darüber vergisst. Was würde er dagegen tun?
Er hat den ganzen Tag das Radio an in der Gaststube, so erfährt er noch, wo es sich auf der Autobahn staut, was in Hamburg los ist. Mit den Nachrichten um elf könnte Tina Feierabend machen, Überstunden gäbe es bei ihm nicht. Wäre Tina darüber glücklich?
Nie hat sie die Fahrzeit nach Hamburg bedauert oder sich beklagt, dass sie so lange arbeiten muss. Sie nennt die Firma, in der sie arbeitet "meine Firma", als würde sie ihr gehören. Sie benutzt das Wort "Wir", spricht sie von ihrer Arbeit. Ihre Gedanken sind voller Verständnis für das Gebilde, das Firma heißt.
Anders dagegen wollte immer nur weg aus dem Alltag - hört er nun die Staumeldungen im Radio, atmet er durch, lächelt, nickt.
Heute steht er da, sieht ihr beim Biertrinken zu, spät ist es. Er könnte etwas fragen, aber was. Im Kneipenlicht sieht ihr Gesicht teigig aus, dabei ist es mager.
Dann, da er das Glas vom Tisch räumt, darf er ihr nachschauen, wie so oft. Draußen läuft sie, ausladenden Schrittes, zum Deich, wo ihre Schafe zwischen seinen Schafen stehen. Er hat ihr das angeboten - es wäre doch besser, ihre Tiere stünden zusammen! Schafe wären Herdentiere, zufällig hat er die gleiche Rasse - Kamerunschafe, die muss man nicht scheren.
Schnell geht Tina, schaut nicht eine Sekunde zurück. Oben auf dem Deich presst der Wind ihr den Rock zwischen die Beine. Die Jacke weht und schlägt in Tinas Rücken wie eine Fahne. Die zwei Schafe kommen angetrottet, sie umhalst eins nach dem anderen lange und inbrünstig, wie eine, die von ihrem Liebsten getrennt gewesen ist und ihn nun wiedersehen darf.
2.
Oben auf der Deichkrone steht Anders, blickt nach links, nach rechts, zum Wasser runter, zur Straße. Da sind keine Schafe. Mutterschafe, Lämmer und die zwei Tiere, die Tina gehören - alle verschwunden. Ins Wasser sind sie wohl kaum gefallen, durch die Gatter können sie nicht entfliehen - wo sind sie hin? Anders untersucht den Weg zum Gatter, stiert ins Gras, findet keinen Hinweis, keine Spur.
Im Radio meldeten sie vor Wochen, fünfzig Kilometer von hier wurden Schafe gestohlen, eine ganze Herde, frech aufgeladen nachts, keiner hat's gesehen.
Vielleicht ist heute Nacht das Gleiche passiert, alle Tiere wurden gestohlen. Anders kann nur an die zwei denken, die Tina gehören, seinen eigenen Verlust schiebt er beiseite. Was machen die Diebe mit den Schafen? Schlachten - Wolle geben sie ja nicht. Wie soll er Tina sagen, ihre Babys sind verschwunden? Jemand schneidet ihnen mit dem Messer die Kehlen durch, lässt sie ausbluten, dabei hängen sie mit den Läufen an einer Wand, das Blut tropft in einen Eimer.
Zu Hause steht er am Fenster, setzt sich, geht zurück zum Fenster, setzt sich wieder. Er glaubt, ein Auto zu hören, stellt sich hinter die Gardine. Die ist durchsichtig, aus gemusterter Spitze. Teilt die Welt dahinter in eine karierte Fläche ein, er könnte Koordinaten festlegen, in denen er Tina erwartet. Da unten ist nichts. Was hat Anders gehört, ein Aufbäumen des Windes?
In seiner Phantasie sieht er Tina bei der Arbeit im Bürohaus. Sie stellt den Leuten Mehrkornbrötchen, Milchbrötchen, Rosinenbrötchen hin, lächelt ihr kümmerliches Lächeln, das er oft gesehen hat.
3.
Sie steht auf dem rechten Fuß, die Hüfte schräg gestellt, der linke Fuß lehnt auf die Zehen gestützt. Schon halb im Gehen zeigt der rechte Fuß die Richtung an, in die sie will - zum Deich hin, zu den Schafen. Anders beginnt immer neue Sätze, um Tina zurückzuhalten. Was ich noch fragen wollte, sagt er, bevor sie sich abwenden kann. Was ich noch sagen wollte, fügt er hinzu, als sie den ersten Schritt gemacht hat. Ihre Nase hat sie kraus gezogen, zwischen den Augen entsteht eine Falte, Anders kann sehen, sie wächst und gräbt sich in die Haut. Nein, Tina wird sein Gestammel nicht länger ertragen. Sie dreht den Kopf, hebt eine Hand zum Gruß, die Beine gehen wie schwimmend davon.
Da ruft er es ihr endlich nach, unbeholfen und zu laut: Übrigens sind die Schafe weg!
Tinas Füße stehen wie im Schlamm steckengeblieben. Dann schaut sie zum ersten Mal länger in seine Augen, große Augen hat sie, blassblau und starr, starre Pupillen wie bei einer Eule. Die Augen verengen sich plötzlich, schrumpfen, die Lider ziehen sich darüber, die Augen sehen aus wie siedend vor Hass oder Wut.
Anders wiederholt schnell, die Schafe wären weg, gestohlen wohl, entwendet, geklaut, aufgeladen, mitgenommen, jedenfalls verschwunden.
Sie keift, warum er das erst jetzt sagt, stürzt hastig auf ihn zu, das Gesicht fremd, die Wimpern übergroße Zäune, die ihre Augen schützen, die Lippen hochgeworfen wie bei einem Tier, das beißen will.
Sie stampft mit dem Fuß auf, wie Anders es seit der Kindheit bei niemandem mehr gesehen hat. Immer wieder stößt sie den rechten Fuß auf den Boden. Sie schaut, als wollte sie Anders verwünschen. Er erinnert sich an ein Märchen, da verwünscht ein Mann voller Wut seine Schwestern: Dass euch die Erde verschlingen möge! Und die Erde verschlingt seine Geschwister, voller Reue muss er durch die Unterwelt ziehen und die Verschlungenen suchen.
Anders wartet, dass sich die Erde auftut und er darin versinken wird. Dann denkt er, warum Tina nicht einmal den linken Fuß nimmt. Warum immer den rechten? Schmerzt der nicht von der Wucht, mit der sie den Boden tritt? Bebt der Knöchel nicht unter der Haut, brennt die Haut nicht unter der Sohle des Schuhs? Bröckelt der Absatz des Schuhs noch nicht unter der Wucht, zerfällt in Trümmer?
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