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Auszug aus dem Roman "Das Macht"
Durch die Hintertür und die Wirtschaftsküche ging er in den Flur. Heute war kein Fernseher zu hören. Er hing die Jacke auf. Die Stimme seiner Mutter blieb ohne Antwort, also telefonierte sie.
"Ja ..., ja, nee, Alfred und Ingrid sind zu ihm gefahren. Ja ..., das denk ich auch."
Jetzt schniefte sie. Ihre Stimme klang auch irgendwie traurig. Martin ging näher zur Küche. Die Tür war halb geöffnet. Die Lampe über dem Tisch war an. Vor seiner Mutter stand eine Rolle Küchenpapier, ein paar zerknüllte Tücher davon lagen daneben, eines hatte sie in der Hand, mit der sie ihren Kopf abstützte. Sein Vater saß daneben, starrte auf die Tischdecke. Jetzt sah er zu ihr auf. Sie sagte etwas. Er nickte, als würde er an dem Gespräch teilnehmen.
"Nein, der ist noch nicht da. Mhm ... Bei seinem Freund Phillip. Ja, ich ruf da gleich mal an, ist sowieso schon viel zu spät. Ja, das wird er... seine Lieblingsoma. Ja, tschüss."
Sie nahm das Telefon vom Ohr, starrte sekundenlang darauf, bevor sie eine Taste drückte und es auf den Tisch sinken ließ. Der Vater legte ihr den Arm um die Schultern, zog sie langsam zu sich, umarmte sie und sie schließlich ihn. Wieder schniefte sie.
Er sagte etwas, räusperte sich dabei und dann:
"Alles wird gut. Wir müssen uns jetzt um deinen Vater kümmern."
Still. Wie ein Rauschen. Die alte Porzellanuhr über dem Herd tickte laut. Martin nahm seine Jacke und schlich hinaus.
Im Mondlicht sah er, dass die Gartentür noch offen stand. Das hätte Ärger gegeben, oder jetzt vielleicht nicht. Wenn jemand stirbt, ist alles anders. Seine Oma hatte Krebs gehabt, wahrscheinlich vom Zucker. Wochenlang hatte er keinen Zucker gegessen, bis sein Vater ihm erklärt hatte, was das bedeutet, wenn man "Zuckerkrank" ist.
Von Hinten, im Licht der letzten Straßenlaterne, sah die große Vogelscheuche am Ortsausgang doch nur wie eine Windmühle aus, mit einem Flügel zu wenig. Ein raschelndes Klatschen auf dem Feld, vielleicht der Schwanz einer Kuh. Bergauf strengte die Kurve viel mehr an, als sie bergab Schwung gegeben hatte. Martin lehnte das Rad gleich vorne an das Brückengeländer; das Geräusch verlor sich nach einigen Metern. Er ging mitten auf der Fahrbahn. Der Stein lag noch auf dem Handlauf, sah von weitem wie eine Warze aus.
Er legte die Hand darauf, ließ sich gegen das Geländer sinken. Das warme Metall bog sich leicht, aber rechtfertigte das Vertrauen, drückte in den Bauch. Der Stein passte perfekt in die Hand. Martin warf.
Aber, als er das Auto sah, den Stein, der einfach so weiter fiel, als er das Quietschen hörte, schien sich das Geländer zu entziehen. Die Straße war doch leer gewesen.
Und sie war es wieder, für den Bruchteil einer Sekunde, als der Wagen unter der Brücke war und Martin hörte, wie er den Pfeiler streifte. Das Schreien des Metalls fuhr ihm durch den Körper und, als das Auto, sich überschlagend, auf der anderen Seite der Brücke wieder hervorkam, wusste er schon lange nicht mehr, wo oben und unten war und in welcher Richtung sie sich nun fortbewegten. Er wusste auch nicht, ob er das Lenkrad noch in der Hand hatte, ob es überhaupt noch da war. Dann, ein dumpfes Stoppen, wie ein Fall in ein riesiges Kissen. Alles, was hinter ihm war, schien nach vorn zu wollen und das Lenkrad war nun direkt vor ihm, wollte sich ihm ins Gesicht drücken. Er stemmte sich dagegen. Ein wahnsinniger Schmerz raste ihm durch den Rücken direkt in die Stirn. Stille. Herzklopfen, ihm Hals.
"Gert?"
Langsam drehte er sich, bis es nicht mehr weiter ging und konnte Martina nun erkennen. Sie schien total verdreht, ihr Kopf war nicht da, wo er ihn erwartet hatte.
"Is alles OK?" Er hörte seine Stimme. Er wollte nicht so weinerlich, so zittrig sprechen.
"Ich weiß nicht. Mein Rücken tut so weh. Und..." sie rutschte vom weinerlichen ins wirkliche Weinen "ich... ich kann meine Beine nicht spüren!"
Nun war er sich ganz sicher: Der Wagen lag auf dem Dach und es war auch klar, warum ihr Kopf so schräg lag. Das Dach war eingedrückt und das Lenkrad war ein Stück nach oben gekommen und hatte nur deshalb so ausgesehen, als wäre es an seiner gewohnten Stelle. Jetzt wusste er auch, wo das Handy war. Er nahm es aus der Halterung.
"Notrufzentrale Steinburg. Bertram."
"Ja, hallo... Wohlers ist mein Name. Wir... wir hatten einen Unfall."
"Ganz ruhig, Herr Wohlers. Wir helfen ihnen. Wo sind sie?"
"Wir..." Er überlegte. Das Zittern war weniger geworden. Wo wollten sie hin? Sie hatten sich noch gestritten, ob sie Autobahn oder Landstraße fahren würden und er hatte sich durchgesetzt. Scheiße. Er hatte die Autobahn nehmen wollen, zu ihrer Mutter in Dägeling.
"Wir sind auf der A23, kurz hinter Itzehoe. Hier ist eine Brücke. Da hat einer einen Stein geworfen." Jetzt wurde er wütend. "Dieses Arschloch hat einen Stein geworfen. Sie wollte doch gar nicht über die Autobahn..."
"Ganz ruhig Herr Wohlers. Sie dürfen sich jetzt nicht aufregen. Es ist schon jemand zu Ihnen unterwegs. Sind sie zu zweit?"
"Ja."
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