b e t t i n a_s c h o e l l e r


Ich bin ein ganz normaler Tag
(Ein Tag aus meinem Bukarester Tagebuch)

Ich stehe morgens auf und die Hitze liegt in heißen Wolken über meinem Bett wie Rauchsignale von Indianern, die sagen: Ich bin ein neuer Tag, mach dich auf den Kriegspfad. Und es geht auch sofort los. Ich möchte einen Kaffee trinken, aber heute Morgen gibt es kein Wasser. Ich drehe alle Leitungen auf, es kommt nur heiße Luft. Ich weiß nicht recht, wohin mit mir, setze mich aufs Sofa und schaue in den Park da draußen und in den Tag in meinem Kopf hinein. Das Telefon klingelt. Meine Bekanntschaft von gestern, der algerische Franzose Abdel; "ten minutes chez McDonalds drink coffee, me?". Ungewaschen ziehe ich Stoffetzen über und bin damit immer noch bedeckter als die meisten Rumäninnen; im String-Tanga gehe ich noch nicht auf die Straße. Ich weiß, ich werde den kleinen Straßenjungen treffen, dem ich regelmäßig Geld gebe und den ich fotografiert habe. Jeden Tag fragt er mich nach den Fotos. Als mich draußen die Hitze umwirbt, höre ich das Geschrei; "Da bist du ja. Vin au coche" - komm her zu mir! Es ist Christie, der junge und gut aussehende Hausmeister. Während er nachts auf die Jeeps der Reichen aufpasst, stemmt er als Fitnessprogramm alte Autoreifen. Tagsüber vermittelt er gekonnt den Eindruck eines Platzhirschen. Ich grüße mit einem Handwinken aus der Entfernung. Erstmal in Ruhe einen Kaffee trinken... da kommt er auf mich zugeschossen und erzählt mir stürmisch, was er mir und wohl so einigen anderen Frauen auch, jeden Tag aufs Neue erzählt: wie sehr er mich respektiert und in sein Herz geschlossen hat, "mult, mult", und was für einen großen Platz ich dort einnehme. Die Gelegenheit nimmt er, um mich fest in den Arm zu schließen, meinen Busen an sich zu drücken und mich abzuknutschen. Ich weiche drei Schritte zurück, was nichts hilft, er reißt mich an sich und drückt mir seine dicken nassen Lippen auf die Wange. Ich winde mich. "Christie", sage ich, "lasse me in pace", laß mich in Frieden! "Esti superata pe mine?", bist du sauer auf ich, weil ich dich umarme, fragt er mich und packt fest mein Handgelenk. "Am un prieten in Germania" ich habe einen Freund in Deutschland, sage ich - was etwas gelogen ist, ich denke zwar jeden Tag an einen, aber der meldet sich nie - er könne so etwas mit mir nicht machen, schließlich sei ich so gut wie verheiratet. Christie legt theatralisch seine Hand auf sein Herz und spricht von sich selber in der dritten Person: "Christie are mult respect pre tine" Christi hat sehr viel Respekt vor dir. Er beteuert, es sei das normalste der Welt, dass man sich umarmt und abknutscht, das macht doch jeder ständig überall, ohne dass es etwas zu bedeuten hat. "Ich liebe viele Menschen", sagt Christie, "und für dich würde ich mein Leben lassen!" Jetzt ist Schluss, jetzt gehe ich! Da lüpft er plötzlich sein T-shirt; er hat eine Knarre im Hosengurt stecken und holt sie heraus. Er ist mächtig stolz, hat sie von einem 'Cheful' aus dem Haus bekommen, in letzter Zeit würde viel eingebrochen und er würde uns verteidigen, in erster Linie aber seinen Chef, dem will jemand an den Kragen.

Es ist bereits eine viertel Stunde vergangen, der Franzose hat bestimmt schon meinen Kaffee mit ausgetrunken, etwas schlaftrunken betrachte ich die Knarre. Während Christie spricht, gehe ich weiter und er folgt mir redend um die Ecke, nimmt meine Hand, küsst sie, streicht mir am Arm entlang und erzählt, was für ein Prachtexemplar von einer Frau ich sei. Ich selber fühle mich wie ein vom Aussterben bedrohter Falter, dem nur noch mit einer großen Kanne Kaffee geholfen kann. Und schweigen. Kaum um die Ecke, sehe ich jenen Straßenjungen, dessen Fotos ich dieses Mal in meiner Tasche habe. "Kennst du den Jungen?" unterbreche ich Christie. "Das ist doch kein Junge", sagt Christie, "der benimmt sich zwar wie einer, aber das ist ein Mädchen!" Ich kann es kaum glauben. Dieses Geschöpf da, die Zähne bei Schlägereien ausge-schlagen, Narben von Mutproben an den Armen, Baseballkappe auf und starke Armmuskulatur - das soll ein Mädchen sein? Heute hat sie ein enges T-shirt an und kommt auf uns zugelaufen. Ich sehe die kleinen Brüste unter dem Shirt. Sie grinst mir freudig mit dem zahnlosen Mund entgegen. "Ich mag dieses Kind sehr", sage ich zu Christie. "Bist du vielleicht invers - lesbisch?" Er lacht über seine als Witz verpackte Frage. Mir geht auf, wie viele Männer wohl Straßenkinder ficken, ob Jungs oder Mädchen, was für ein grausames Päderastenparadies das hier sein muss. Und dieses männliche Gehabe des Mädchens ist eine Tarnung, ein Schutz vor Angriffen und Übergriffen. "Hey, Doamna", sie schmiegt sich an mich. "Wo sind die Fotos?" fragt sie gleich. Ich gebe sie ihr. Sie sind nicht besonders gut gelungen; sie sitzt auf einer Bank - und sieht aus wie ein Junge. Sie springt vor Freude in die Luft: "Das sind die besten Fotos, die es von mir gibt", sagt sie - und auch die einzigen. Wie ein Beweis dafür, dass es sie gibt. Besonders freut sie sich über die gelungene männliche Pose auf dem Bild, die sie sofort wieder imitiert. "Ime foame, da'me un bani!" sagt sie - ich habe Hunger, gib mir Geld. "Lass uns bei McDonalds frühstücken", sage ich wie zu meiner eigenen Tochter, sie nimmt meine Hand und grinst mich an und springt freudig und wie benommen neben mir her. Christie ist verschwunden. Jedem Menschen, der uns auf der Straße begegnet, hält sie die Fotos unter die Nase. Die Leute drehen sich um und sind erstaunt über uns; eine Ausländerin mit einem Straßenkind Hand in Hand, ich streiche dem Kind über die Baseballkappe. Fast neidisch sind die alten Frauen und Männer, sie humpeln die Straßen entlang, gezeichnet von Jahrzehnten unter der Ceausescu-Diktatur, wo der Strom im Winter für mehrere Stunden am Tag oft abgestellt war. Ach quatsch - was für ein Klischee denke ich dann. Das sind alte Menschen und denen fehlt es in der ganzen Welt an Liebe - Ceausescu hin oder her.

Das Mädchen ist vor mir bei McDonalds an der Kasse und fleißig, der Verkäufer schaut mich fragend an: "Ja, ich bezahle das" höre ich mich sagen. Ein Menü kostet vier Mark. Ich bestelle mir einen Kaffee und wir setzen uns zu einem älteren Mann an den Tisch. Sie beginnt zu essen, was mit diesen wenigen Zähnen nicht ganz einfach ist. Aber fröhlich schmatzend holt sie einen Walk-Man hervor: "Hier, ich habe Zigeunermusik auf der Kassette, willst mal hören?" Sie hält mir den halben Kopfhörer hin. Ich höre ein leises lang gezogenes unverständlich leierndes Geplärre. "Ich brauche dringend neue Batterien. Es sind nur zwei. Zwei neue Batterien. Bitte, kaufst du mir neue Batterien? Sind nur zwei." Sie hat die Angewohnheit, wie eine Figur in Scorseses 'Good Fellas', alles mindestens zweimal zu sagen, denn wenn man schon mal was zu sagen hat, will man ja auch sicher gehen, dass es die anderen hören! Bevor ich etwas antworten kann, spricht der alte Mann am Tisch auf mich ein. Er grinst mich freudig an und ist ganz glücklich. Ich denke natürlich, dass er sich freut, dass sich jemand so rührend um ein kleines Mädchen mit eingeschlagener Fresse und Klebstoffsucht kümmert, das wahrscheinlich bei jeder Gelegenheit vergewaltigt wird oder sich prostituiert. Er sagt etwas zu mir, was ich nicht verstehe. Das Mädchen lacht sich halb tot darüber und sagt dann zu dem Mann mit einer Geste, die ich ähnlich schon mal bei 19 jährigen Ami Hip Hopern auf MTV gesehen habe: "Vergiss es, sie ist nicht so eine!" Ich schaue etwas verdutzt. "Nu, sigur?" Fragt der Mann und schaut mich an. "Nu merge ceva cu noi?" Bist du sicher, dass zwischen uns nichts laufen kann? Da will mich der alte 60 jährige, der einen Morgen lang an einem einzigen Kaffee bei McDonalds nippelt, tatsächlich kaufen? Ich fange an zu lachen, wir lachen zusammen über den alten Mann. Das Mädchen ist super souverän: "So etwas macht sie nicht. Das kannst du vergessen. Sie ist eine Lady. Sie hat einen Freund. Einen großen starken tollen Freund! Und außerdem ist sie mit mir! Lass uns in Ruhe." Der Mann glaubt ihr nicht so recht und schaut mich skeptisch von oben bis unten an. Schließlich geht er, nicht allerdings, ohne sich noch dreimal nach uns umzuschauen und zu versuchen, einen Blick zu erhaschen. Wir machen noch ein paar Fotos von uns gemeinsam. "Ich muss gehen", sage ich, "wir sehen uns morgen wieder". "Wann morgen?" fragt sie mich und greift wieder nach meiner Hand. So groß kann der Hunger nicht gewesen sein, sie hat die Hälfte von dem Essen liegen lassen. Das mache ich nicht mal, wenn ich mir was bestelle. "Mal sehen", sage ich, "wir treffen uns doch immer hier auf der Strasse." Sie klammert sich an mich. "Ich brauche neue Schuhe, kaufst du mir neue Schuhe?" Ich schaue auf ihre Schuhe, die sehen ziemlich neu und gut aus. "Aber was hast du gegen deine Schuhe?" "Ich will Adidas Schuhe, hast du Adidas Schuhe für mich?" Ich habe selber nicht mal gescheite Turnschuhe. "Was kosten denn so Schuhe?" frage ich ahnungslos. "35.000 Lei" antwortet sie (3 Mark). "Davon kriegst du nicht mal die Schnürsenkel" sage ich. "Doch, ich weiß wo, so gebraucht von einem Freund." Ich gehe weiter. "Du willst dir doch nur Klebstoff kaufen", sage ich. "Nein, so was mache ich nicht. Gib mir doch deine Adidas Kappe, die du neulich anhattest, schenkst du mir die? Oder kaufe mir ein T-Shirt hier in dem Laden" Ich bleibe stehen, schaue sie an und sage dann: "Für heute ist es genug. Gata! Morgen vielleicht oder übermorgen. Jetzt musst du mal wieder jemand anderen fragen!" Das sieht sie ein, ich gehe, sie winkt mir nach. Um die Ecke treffe ich Christie. Christie schnappt sich meine Hand und knutscht sie ab. "Ce frumoase, tu frumoase" - du bist so wunderschön. "Christie, bitte sage ihr nicht, wo ich wohne, ich möchte nicht, dass sie morgens schon vor meinem Haus auf mich wartet", sage ich und fühle mich unendlich schlecht dabei, dass ich meine eigene Tochter weg schicke. "Christie la respect pentru tine." Christie leiert wieder seine Standard - Sprüche runter, um mich dann in seine schlingpflanzigen Arme zu reißen. Ich werde sauer. "Christie, lass das, ich habe einen Freund in Deutschland und ich meine es ernst. Mach deinen Job und beschütze mich! In jeder Hinsicht." Christie legt seine Hand aufs Herz: "Du kannst dich auf mich verlassen!" Ich reiße mich los und betrete das Haus, der Fahrstuhl funktioniert heute morgen auch nicht. Ich steige die vier Treppen hinauf. Ich war draußen und habe nichts eingekauft, glücklicherweise geht das Wasser wieder. Jetzt könnte ich ganz gut die restlichen Pommes verdrücken, die das Mädchen übrig gelassen hat. Aber ich werde heute nicht mehr aus dem Haus gehen. Das Telefon klingelt. Es ist mein Vermieter. Er will mich in seiner Villa zum Tee trinken einladen. "Tee trinken?" frage ich. Wenn man da in dieser Villa sitzt, dann fragt er zum Tee immer: "Helles oder dunkles Bier?" Eigentlich will er, dass ich mit der Miete vorbei komme: 15 Millionen und 600 Tausend Lei. Ich wäre den Rest des Tages damit beschäftigt, diesen Berg an Scheinen abheben und an allen Hindernissen und Hürden vorbei nach Hause schleppen. "Heute nicht", sage ich. Heute gehe ich bestimmt nicht mehr auf die Straße. Erstmal in Ruhe einen Kaffee trinken und morgens beim Frühstück gelassen in den Tag und in die Zukunft blicken. Ich bin ein ganz normaler Tag, denke ich, und nichts hat sich erledigt. Ich bin ein ganz normaler Tag, einem Trümmerhaufen ähnlich.

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