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Auszug aus dem Roman Das letzte Zimmer
mit freundlicher Genehmigung des Goldmann Verlags, München
1. AUFBRUCH
Noch immer kein Lebenszeichen von Meret. Allmählich beunruhigte mich das inzwischen mehrwöchige Schweigen meiner besten Freundin. Mich beunruhigte außerdem, dass der siebte August näher rückte. Der Tag, an dem mein Vater gestorben war. Im August ging es mir nie besonders gut.
In dem Versuch, meinen Gedanken eine andere Richtung zu geben, begann ich zu putzen, Ordnung in meiner Wohnung zu schaffen. Die Gummibänder, die an einem Haken über der Spüle hingen, sortierte ich nach Farben. Meine Schuhe stellte ich blank poliert und mit sauberen Sohlen in einer Reihe neben der Fußmatte auf. Meine Bücher, die sich im Küchenschrank und auf dem Spülkasten der Toilette und überall in meiner Wohnung stapelten, entstaubte ich und schob sie Rücken an Rücken in die Regale.
Draußen ging die Sonne unter. Ich verstaute das Putzzeug, schob eine Pizza in den Ofen und setzte mich an den Küchentisch. Regentropfen tippten gegen die Scheibe. Ich blätterte eine Illustrierte nach der anderen durch, versuchte meinen Kopf leerzublättern, wärmte den Kakao von gestern auf, verschlang die Pizza und stopfte eine halbe Packung Vanille-Eis nach. Mein Hunger war nicht zu stillen. Ein alter Hunger, gegen den nur ein Mittel half.
Ich kochte frischen Milchreis - das Zeug aus dem Kühlregal kam mir nicht auf den Teller -, streute Zimt und Zucker in einer dicken Schicht darüber und aß das Ganze heiß. So heiß wie möglich. Später schrubbte ich den Herd und spülte das Geschirr. Mein Bauch drückte gegen den Bund meiner Jeans. Mit einer Wärmflasche legte ich mich ins Bett und hoffte, dass es morgen besser würde.
Die Nacht war schlimm. Ich lief durch einen Traum, in dem mich die Fetzchen zerrissener Briefe umtanzten wie ein böses Schneegestöber. Die Schnipsel flogen mir ins Gesicht, in die Augen, den Mund. Ich versuchte sie abzuwehren. Immer mehr Papier schneite auf mich herab. Um mich herum gab es kein Fleckchen Luft mehr zum Atmen. Dann begannen die Schreie. Ich fiel zwischen den Schreien hindurch in mein Bett. Mit pochendem Herzen lag ich da und versuchte in die Wirklichkeit zurückzufinden. Noch immer hörte ich die Schreie. Es war eine Katze im Hinterhof. Ich lauschte, gebannt zunächst, dann erleichtert, als die Schreie sich entfernten. Die Digitalanzeige des Radioweckers sprang auf 4 Uhr 49. Mein Magen schmerzte, mein Kopf fühlte sich schwer an. Ich konnte nicht aufhören zu denken, und alle meine Gedanken waren dunkel und traurig.
Um halb sechs lag ich noch immer wach. Wieder und wieder versuchte ich aufzustehen und schaffte es nicht. Ich tauchte in einer zähen Masse, die in mir ausgegossen war. Im Haus gegenüber begann ein Baby zu weinen. Ich schaute an die Decke, auf das schwarzgraue Spinnennetz, das dort im Luftzug schaukelte. Das Spinnennetz gefiel mir, es sah so zart und geduldig gewoben aus. Ich überlegte, ob ich mir einen Becher Nescafé kochen und mich richtig wecken sollte, doch ich blieb liegen. Je länger ich lag, desto sinnloser erschien es mir, diesen Tag zu beginnen, ihn herumzubringen, ihn irgendwie durchzustehen. Wozu mir die Zähne putzen, mich anziehen, mein Leben leben. Reglos lag ich da. Hier, im Morgengrauen, spann es mich ein, kalt und atemberaubend, das Dunkel, das ich seit Tagen so deutlich gespürt und gegen das ich mich zu guter Letzt mit Pizza und Milchreis zur Wehr gesetzt hatte.
Schweiß sammelte sich in meiner Kehlgrube und in meinem Bauchnabel. Das Laken umschlang meine Beine wie ein feuchter Wickel. Das Dunkel wuchs. Und wie immer, wenn es wuchs, war es hungrig. In mir war das Schlaraffenland, dorthin wollte es, wollte sich in meinen Magen bohren, meine Lungen verschlingen, mir das Herz wegfressen, es wollte mich leeren und das leere Gefäß, in das ich mich verwandeln würde, mit sich selbst füllen, klebrig und grau, sehr weich, sehr endgültig.
Mit der Zeit hatte ich eine gewisse Fertigkeit in der Kunst entwickelt, dem Dunkel auszuweichen, es nicht anzusehen, so dass es zurücksank in seinen kalten, schweren Schlaf. Ich konnte arbeiten, studieren, Freunde treffen. Ich konnte mich verlieben, konnte mich in Schokolade stürzen, zu Hollywood-Schnulzen weinen, auf Partys gehen, mir noch ein Referat aufhalsen und noch eins und noch eins und eine Zeit lang glauben, begeistert und voller Zuversicht zu leben.
Jetzt lag ich festgeklebt in meinem Bett.
Ich durfte nicht liegen bleiben. Warten war Gift. Ich musste diesen Tag beginnen, ihn in Angriff nehmen, das wusste ich. Von dem Moment an, da ich mich bewegte, würde es leichter werden. Den Tag hinter mich bringen, es wäre nicht das erste Mal.
Wie gern wollte ich glauben, dass es nur um das Aufstehen ging. Dass es von diesem Punkt an erträglicher würde.
Ich schlüpfte in meinen Morgenmantel, tappte in die Küche und schaltete den Wasserkocher ein. Drei Löffel Nescafé. Auf der Suche nach der Zuckerdose entdeckte ich zwischen einem Stapel Krimis und dem Olivenöl Merets letzte Postkarte. Lange betrachtete ich die grauweiß gebänderten Kieselsteine, zwischen denen sich ein einzelner Klatschmohn hervorschob, der Stängel fast zu zart für den feurigroten Blütenschirm. Die Feuermohnkarte war vor vier Wochen eingetroffen. Seither kein Wort mehr von Meret. In diesem Moment, an diesem Morgen kam mir zum ersten Mal in den Sinn, dass etwas passiert sein könnte.
Ich sollte ihr noch einmal schreiben, dachte ich. Doch Schreiben schien sinnlos, schon allein deshalb, weil sie nicht antwortete.
Ich könnte fahren, dachte ich. Nach Mühlenstedt. Ich könnte meine Freundin suchen.
Ein paar Sekunden stand ich da, die Karte in der Hand; eine Stunde später warf ich meine Reisetasche in den Kofferraum und stieg in meinen Polo. Unter einem Wust von Papiertaschentüchern, Schokoladenpapier und Plastiktüten kramte ich einen Autoatlas hervor, der nur noch von einem Streifen Paketband zusammengehalten wurde. Ich schaltete das Radio ein. "Hotel California". Ich war auf dem Weg. Wie Meret vier Monate zuvor.
Copyright Goldmann Verlag 2004
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