c h r i s t i a n_f r e s e


Figli de Puttana

Es war schon spät als wir in Göttingen, welches von allen Städten der Welt die höchste Nobelpreisträgerdichte hat, die S-Bar betraten. An der Bar stand ein italienischer Macho, der ein bisschen aussah wie Adriano Celentano, aber mehr Haare auf dem Kopf hatte. Meine vermeintliche Freundin fand ihn 'irgendwie süß' und stellte sich zu ihm, während sich der traurige Rest an einen Tisch setzte und über Adriano Celentano Filme diskutierte. Ich gab als einziger offen zu, die Filme gut zu finden, hauptsächlich wegen Ornella Muti, und das obwohl Adriano Celentanos Doppelgänger an der Bar meiner vermeintlichen Freundin gerade durch einen Kniff in den Po ein heiteres Jauchzen entlockte. Wir diskutierten noch ein bisschen weiter, obwohl es schon lange nichts mehr zu sagen gab, bis meine Begleiter schließlich auf baldigen Aufbruch drängten. Meine vermeintliche Freundin wollte davon nichts wissen, Adriano Celentano legte wie zur Bekräftigung seinen Arm um ihre Hüfte und auch ich hatte aufgrund übertriebenen Alkoholkonsums noch das völlig realitätsfreie Gefühl, dem Abend eine positive Wendung geben zu können. Erst als das Gesicht meiner vermeintlichen Freundin fast vollständig unter Adriano Celentanos dunkler Lockenpracht verschwand und ich nicht mehr zweifelsfrei unterscheiden konnte, ob sie jetzt redeten oder sich küssten, begann eine bisher unbekannte Abneigung gegen Italiener in mir aufzukeimen.

Vielleicht sollte ich an dieser Stelle kurz erwähnen, was an meiner Freundin vermeintlich war. Ich war während unserer kurzen aber leidenschaftlichen Beziehung der Meinung, dass wir ein Paar seien und sie folglich meine Freundin. Später behauptete sie, dass mir zu einer solchen Annahme jegliche Argumentationsbasis fehle, eine Sichtweise, die mir viele unangenehme Erinnerungen auf einen Schlag sehr plausibel machten. Doch zurück zur Geschichte.

Ich versuchte durch weiter gesteigerten Alkoholkonsum wieder auf andere Gedanken zu kommen und träumte kurz von Ornella Muti. Letztlich konnte ich aber nicht mehr an mich halten, setzte mich an die Bar neben einen stillen Trinker und raunte diesem ein verschwörerisches "diese scheiß Itaker" zu. Mein Nachbar lächelte freundlich zurück, sagte aber nichts. Ich versuchte es mit "Spaghettifresser", erntete erneut ein schweigendes Lächeln. Also versuchte ich es beim Barmann, musste mich jetzt mit irgendwem verbrüdern. Ich bestellte ein hochprozentiges Kaltgetränk und ließ beim Bezahlen beiläufig ein "Pizzaficker" fallen. Endlich wurde ich erhört, der Barmann schenkte mir einen tröstenden Blick und sagte "ja, die können schon nerven, diese deficienti". Hier gab der stille Trinker erstmals ein Lebenszeichen von sich, zuckte kurz zusammen und beobachtete uns im weiteren Verlauf des Gespräches mit einem Gesichtsausdruck, der deutlich die Verschlechterung seiner Laune anzeigte. Ich beachtete ihn nicht weiter, hatte ja jetzt Unterstützung im Kampf gegen die 'stronzi' gefunden, mehr Verbündete waren nicht nötig. Es stellt sich heraus, dass der professionelle Barmann und Seelentröster ein paar Jahre als Kellner in Rom unter den Verführungskünsten der heißblütigen Südländer leiden musste und sich zum Selbstschutz ein umfangreiches Kontingent an italienischen Schimpfwörtern zugelegt hatte, die er mir bereitwillig beibrachte.

Die Stimmung stieg, wir verfluchten alle Italiener dieser Erde, schickten noch ein paar gepfefferte 'vaffanculi' und 'figli de puttana' hinterher und als hätte er den Stimmungsumschwung gemerkt, machte sich einige Kurze und etliche Schimpfwörter später auch Adriano Celentano auf den Weg. Ohne meine vermeintliche Freundin. Ich begab mich sofort zu ihr, wollte die Lorbeeren meines Sieges einstreichen, wurde aber zunächst auf die Straße vorgeschickt, sie müsse nochmal auf die Toilette.

Draußen saß auf einem Straßenpolder der stille Trinker, was mich ein wenig überraschte, denn er war inmitten unserer Schimpftirade gegangen und musste nun schon eine Weile in der aufkommenden Morgenkälte ausgeharrt haben. Er stand auf und ging mit sichtbar wutentbranntem Gesicht auf mich zu. "Warum?" fragte ich mich gerade, als mich die erste gestreckte Rechte am Kinn traf. Aha, ein Freizeitboxer, der mich als Sparringpartner auserwählt hatte, dachte ich noch - eine plausiblere Erklärung fiel mir in meinem Zustand nicht ein - als mich der nächste Schwinger auf den Solar Plexus ins Jenseits beförderte. Ich blickte in einen langen Tunnel, an dessen Ende eine weiße Lichtgestalt auf mich wartete. Ich bin tot, waberte es mir durch den Kopf. Die Lichtgestalt verwandelte sich daraufhin in Adriano Celentano, der mir auf die Beine half und sich entschuldigte. Sein Freund sei sonst nicht so, erklärte er, aber irgendwas müsse ihn wirklich sehr geärgert haben. Ob alles in Ordnung sei, wollte er wissen. Ich zwang mir ein Lächeln ab und behauptete, es sei nicht so schlimm und fügte leise ein 'faccia di culo' an. Aber das konnte außer Ornella Muti niemand hören.

Als ich mich wieder der Bar zuwendete, war die Tür verschlossen, der Barmann legte gerade seinen Arm um die Hüfte meiner vermeintliche Freundin und zwickte ihr in den Po. Aber das ist eine andere Geschichte.

vaffanculo, stronzo - Arschloch
faccia di culo - Arschgesicht
figlio de puttana - Hurensohn
deficiente - Schwachkopf

zurück home