d j_s c h e i s s e


Habseligkeiten

Vorgestern Nacht riss mich, ausgerechnet, Jens Riwa aus der notorischen Lethargie. Da erzählte der Mann im nachtmagazin nämlich, eine Jury hätte "Habseligkeit" zum schönsten deutschen Wort gewählt. Was für ein Schock!
Mann oh Mann, jetzt weiß ich wieder wo ich lebe: Deutschland - Weltmeister der Bigotterie und der Verlogenheit - Helmut Kohl ist nicht tot - und seine Werte sind tief in unseren Saumägen verankert: Wir haben und sind deswegen dann auch selig, glücklich furchtlos, wegen des Habens - "Geiz ist geil" und das ist schön! So schön, dass es als Wort einfach unschlagbar ist - für die Jury.
Ich fragte mich spontan: Auf welchem Platz mag wohl "Ficken" gelandet sein? Wie haben "Aufsichtsratsvorsitzender" und "Abfindungshöhe" abgeschnitten? Kein schönes Wort, fürwahr, Aber: die, die das Haben, sind Selig - da bin ich mir sicher!

Ich jedenfalls Habe - und zwar einen ziemlich unangenehmen Pickel am Arsch - und bin deswegen noch lange nicht Selig!!!
Wenn ich es aber doch wäre, selig, wegen dem Pickel, wäre ich ein schöner Deutscher, mit dem schönsten Deutschen Wort, also ein seliger Arsch, oder ein geiler Geizer. Oder Helmut Kohl. Yeah! Das macht glücklich!
Ich fürchte die Jury war nicht ehrlich.
Gestern stellte ich fest, dass ich mich geirrt hatte. Da las ich, das schönste Deutsche Wort sei "Habseligkeiten" und nicht "Habseligkeit". Gemeint ist auch nicht der Zustand sondern die Gegenstände selber. So ein Mist!
"Habseligkeiten", so sagt die Jury, bezeichne nämlich "mit einem freundlich mitleidigen Unterton die Besitztümer etwa eines Kindes oder eines Obdachlosen. Dabei lasse es den Eigentümer der Dinge sympathisch und liebenswert erscheinen".
Ach so, es handelt sich hierbei nicht um fortgesetzten Kalvinismus, sondern um puren und blanken Zynismus! Oder was würdest Du als Obdachloser denken, wenn eine Gesellschaft, die Dir vorher nichts als ihren pickeligen Arsch gezeigt hat, plötzlich deinen versifften Schlafsack und die Flache Korn zum schönsten Wort ihrer Sprache wählt - die sind doch irre!
Das wird dann auch noch dadurch getoppt, dass es dasselbe sein soll, was ein Kind besitzt, liebe Eltern - ist Euch das klar?
Logischerweise bezeichnet es dann auch die Besitztümer des Sprösslings eines Aufsichtsratsvorsitzenden, der gerade um die Abfindungshöhe feilscht.
Na prima: Damit sind wir in der Lage den handelsüblichen Stadtstreicher mit der verwöhnten Schönselgöre über einen Kamm zu scheren, solange es uns nur gelingt, sie mit unserer typisch deutschen freundlich-mitleidigen Sichtweise zu betrachten.
Helfen muss man auch nicht mehr: freundliches Mitleid reicht ja wohl - und Geiz ist doch Geil! Da wär' sonst keiner drauf gekommen - Gut dass es die Jury gab!
Eine Jury braucht man nämlich immer dann, wenn Demokratie nicht gewollt wird. Nachher wählt das Volk noch "Ficken" zum schönsten Wort"! Mann weiß nie...
Dabei ist das Volk doch gar nicht so! Nein das Volk hätte "Lieben" auf Platz 1 gewählt, denn das ist, so die Begründung "nur ein i vom Leben entfernt" und hat, nebenbei bemerkt, genauso viele Buchstaben wie "Ficken" - und ist wenigstens nicht freundlich-mitleidig gemeint.
Das Problem ist die Idee: Der blanke National-Narzissmus, damit es aber noch besser kommt, basteln wir uns eine Jury, die uns zu freundlich-mitleidigen Geizärschen abstempelt. Und der Rest der Welt lacht sich scheckig. Danke schön. Zugabe
So eine Jury kommt dann auf Ideen, wie zum Beispiel Platz 5: "Rhabarbermarmelade", deren Einsender seine Einsendung damit begründete, dass ihn Sonntag morgens ein Wohlgefühl überkomme, wenn er seinem Schatz sagen könne: "Barbara, reich mir doch bitte die Rhabarbermarmelade".
So ein Vorschlag wäre in einer Demokratie niemals auf Platz 5 gekommen - und das aus gutem Grund! Im Gegenteil. Es wäre angebracht, die gute Barbara mal zu warnen. Davor nämlich, dass ihr Rhabarber-Marmeladen liebender Barbaralieber eines morgens mal sagen könnte: Rhabarber, reich mit doch bitte mal die Barbaramarmarmelde. Mann weiß nie...

Na Was solls: Die Narzissmus-Festspiele werden in die nächste Runde gehen, wir kennen den besten Deutschen (Adenauer), das Beste Buch (Herr der Ringe) und haben Habseligkeiten als schönstes Wort der Sprache, dann muss wohl zwangsläufig das tollste Nationalgericht folgen. Mein Vorschlag: Butterwurstsalat an Laberrhabarbaramarmelade.
Aber der hätte - Wie immer - Keine Chance.
Ich sitz ja auch nicht in der Jury.

zurück home