f r a n k_l ä h n e m a n n


Tochter-Gesellschaft

"Meine Tochter ist heute 15 Jahre alt geworden! 15 Jahre! Ich weiß auch nicht, was ich hier tue!" Mein Nebenmann schüttelte den Kopf und bestellte sich ein weiteres Hefeweizen.
Das fing ja gut an. Eigentlich hatte ich nur kurz noch an die Hotelbar gehen wollen, um ein bisschen die Stimmung einzufangen. Nur ganz kurz, nur ein bisschen. Einen Latte Macchiato zum Aufpushen vielleicht, ein kleines Bier zum Runterkommen. Oder auch nur ein Wasser, um meine Blutdrucktablette zu nehmen. Dies klang aber nach mehr. Dies hörte sich nach einer kleinen Reise an, auf die ich mich gerne begeben würde, nur nicht gerade jetzt. "Hallöchen!", flötete auch schon die Tresendame über die Theke hinweg. Wollte ich mir die Blöße geben? Ich bestellte ein Weizen. Die Blutdrucktablette spülte ich mit dem ersten Schluck Bier hinunter. "Haben Sie auch eine Tochter? 15 Jahre ­ das muss man sich einmal reinziehen." Natürlich hatte ich eine Tochter, darum war ich ja hier. Bei mir lag der Fall nur etwas anders. Wäre Simone heute 15 geworden, säße ich bestimmt nicht an einem Tresen, schon gar nicht an diesem. "Sind Sie aus Berlin?" Auweia. Auf diese Frage war ich so gar nicht vorbereitet. Ich gab ein lautes Brummen von mir, das sich wie ein langgezogenes "N" anhörte. "Das kam ja so zögerlich!", wunderte sich mein Vater-Kollege. So war die Sache nicht gedacht gewesen. Ich war schließlich in dieses Hotel gekommen, um mich der Welt zu entziehen. Der Welt zu entziehen, um eine neue zu schaffen. Zuhause schreiben war mir unmöglich geworden, und mein Verlag drängte auf die Ablieferung der ersten Kapitel. Was wussten die schon von den Problemen eines Familienvaters? Davon, dass ein Gehirn nur noch von "Flutschfinger"-Eis, "Meiner Freundin Conni" und "Ich kann nicht warten!" bestimmt wurde. Dem Kollegen konnte ich unmöglich preisgeben, dass ich in dieser Stadt lebte. In derselben Stadt, in der ich mich vor einer halben Stunde in einem Hotel einquartiert hatte, fünf Busstationen von meiner Wohnung entfernt. Ich war womöglich der einzige Hotelgast, der je mit dieser Buslinie angereist war und eine Monatskarte besaß.
"Und was machen wir nun?" Die Herrscherin über den Tresen baute sich vor meinem Weizenglas auf und schloss meinen Nebenmann in die Frage gleich mit ein. Ich hasste sie schon jetzt. Und wie ich erst diese Manipulation verabscheute! Manipulation von einer Frau, die ich dumm, uncharmant und penetrant fand. Aber: Sie war eine Frau. Mein Nebenmann zögerte nicht, die weiße Fahne zu wedeln, und ich zog nach. "Dachte ich's mir doch!", triumphierte "Miss Manipulation". Sara ­ so hieß sie laut Kassenbon. Sarah ohne H. Früher hatten diese Wesen Nachnamen gehabt und ein Fräulein davor. Oder wenigstens ein H hintendran. "Auch eine schöne Tochter, was?" Mein Nebenmann wusste nicht, was er hier tat. "Wir drei hier auf'n Nachmittag in Charlottenburg in ausgerechnet diesem Hotel, das ist doch göttliche Fügung." Zumindest hatte ich mich Gott gefügt und klebte auf diesem Barhocker, ohne aufzubegehren ­ zusammengekauert in Demut. Das war nicht der Plan gewesen. Nein, ich hatte auch kein Foto von meiner Tochter dabei. Ich wollte ihr ja gerade entkommen. Ihr, meiner Frau, aber allen anderen Mitmenschen eigentlich auch. Ich wollte so tun, als gäbe es sie alle nicht. Als gäbe es keinen Nebenmann am Tresen und keine Frauen wie Sara ohne H. Sara ohne H hatte ein Foto von ihrem Pferd dabei. "Eine Tochter ist aber schon etwas anderes als ein Haustier!", rügte sie mein Nebenmann. Nun war er an der Reihe, zu manipulieren. Sara nahm ein Piccolöchen. "Stößchen!", flötete sie und knallte ihr Gläschen an unsere Weizenhumpen. Ich wollte mir immer noch keine Blöße geben und gab die nächste Runde. "Schön, dass wir uns haben." Mein Nebenmann wusste immer noch nicht, was er hier tat. Da er nun ins Lallen verfiel, würde sich das am 15. Geburtstag seiner Tochter kaum mehr ändern.
"Hallo Sara, Liebes, hallo Leute. Ich habe gerade den Deal mit den Spandauern klargemacht. Mach' doch eine Runde, Schätzchen!" Nun waren wir vier. Einer mehr, dem ich entkommen wollte. Es war nicht schön, dass wir vier uns hatten. Ich versuchte es erst einmal mit einem Gang zur Toilette, um Gott nicht zu verärgern. Als ich an die Bar zurückkehrte, hörte ich meinen Fünf-Hefeweizen-langen Gesprächspartner mit Nummer 4 reden. "Ich habe heute Hochzeitstag. Ich weiß auch nicht, was ich hier tue."
Ich ging nach oben auf mein Zimmer ­ ein Zimmer in einem Hotel in einer Stadt, in der ich lebte ­ und legte mich schlafen. In meinem Traum war Simone 15 und eine erfolgreiche Ponyreiterin. Ich war auf allen Turnieren dabei.

zurück home