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Tochter-Gesellschaft
"Meine Tochter ist heute 15 Jahre alt geworden! 15 Jahre! Ich weiß auch nicht, was ich
hier tue!" Mein Nebenmann schüttelte den Kopf und bestellte sich ein weiteres Hefeweizen.
Das fing ja gut an. Eigentlich hatte ich nur kurz noch an die Hotelbar gehen wollen, um
ein bisschen die Stimmung einzufangen. Nur ganz kurz, nur ein bisschen. Einen Latte
Macchiato zum Aufpushen vielleicht, ein kleines Bier zum Runterkommen. Oder auch nur ein
Wasser, um meine Blutdrucktablette zu nehmen. Dies klang aber nach mehr. Dies hörte sich
nach einer kleinen Reise an, auf die ich mich gerne begeben würde, nur nicht gerade jetzt.
"Hallöchen!", flötete auch schon die Tresendame über die Theke hinweg. Wollte ich mir die
Blöße geben? Ich bestellte ein Weizen. Die Blutdrucktablette spülte ich mit dem ersten
Schluck Bier hinunter. "Haben Sie auch eine Tochter? 15 Jahre das muss man sich einmal
reinziehen." Natürlich hatte ich eine Tochter, darum war ich ja hier. Bei mir lag der Fall
nur etwas anders. Wäre Simone heute 15 geworden, säße ich bestimmt nicht an einem Tresen,
schon gar nicht an diesem. "Sind Sie aus Berlin?" Auweia. Auf diese Frage war ich so gar
nicht vorbereitet. Ich gab ein lautes Brummen von mir, das sich wie ein langgezogenes "N"
anhörte. "Das kam ja so zögerlich!", wunderte sich mein Vater-Kollege. So war die Sache
nicht gedacht gewesen. Ich war schließlich in dieses Hotel gekommen, um mich der Welt zu
entziehen. Der Welt zu entziehen, um eine neue zu schaffen. Zuhause schreiben war mir
unmöglich geworden, und mein Verlag drängte auf die Ablieferung der ersten Kapitel. Was
wussten die schon von den Problemen eines Familienvaters? Davon, dass ein Gehirn nur noch
von "Flutschfinger"-Eis, "Meiner Freundin Conni" und "Ich kann nicht warten!" bestimmt
wurde. Dem Kollegen konnte ich unmöglich preisgeben, dass ich in dieser Stadt lebte. In
derselben Stadt, in der ich mich vor einer halben Stunde in einem Hotel einquartiert
hatte, fünf Busstationen von meiner Wohnung entfernt. Ich war womöglich der einzige
Hotelgast, der je mit dieser Buslinie angereist war und eine Monatskarte besaß.
"Und was
machen wir nun?" Die Herrscherin über den Tresen baute sich vor meinem Weizenglas auf und
schloss meinen Nebenmann in die Frage gleich mit ein. Ich hasste sie schon jetzt. Und wie
ich erst diese Manipulation verabscheute! Manipulation von einer Frau, die ich dumm,
uncharmant und penetrant fand. Aber: Sie war eine Frau. Mein Nebenmann zögerte nicht, die
weiße Fahne zu wedeln, und ich zog nach. "Dachte ich's mir doch!", triumphierte "Miss
Manipulation". Sara so hieß sie laut Kassenbon. Sarah ohne H. Früher hatten diese Wesen
Nachnamen gehabt und ein Fräulein davor. Oder wenigstens ein H hintendran. "Auch eine
schöne Tochter, was?" Mein Nebenmann wusste nicht, was er hier tat. "Wir drei hier auf'n
Nachmittag in Charlottenburg in ausgerechnet diesem Hotel, das ist doch göttliche Fügung."
Zumindest hatte ich mich Gott gefügt und klebte auf diesem Barhocker, ohne aufzubegehren
zusammengekauert in Demut. Das war nicht der Plan gewesen. Nein, ich hatte auch kein Foto
von meiner Tochter dabei. Ich wollte ihr ja gerade entkommen. Ihr, meiner Frau, aber allen
anderen Mitmenschen eigentlich auch. Ich wollte so tun, als gäbe es sie alle nicht. Als
gäbe es keinen Nebenmann am Tresen und keine Frauen wie Sara ohne H. Sara ohne H hatte
ein Foto von ihrem Pferd dabei. "Eine Tochter ist aber schon etwas anderes als ein
Haustier!", rügte sie mein Nebenmann. Nun war er an der Reihe, zu manipulieren. Sara nahm
ein Piccolöchen. "Stößchen!", flötete sie und knallte ihr Gläschen an unsere Weizenhumpen.
Ich wollte mir immer noch keine Blöße geben und gab die nächste Runde. "Schön, dass wir
uns haben." Mein Nebenmann wusste immer noch nicht, was er hier tat. Da er nun ins Lallen
verfiel, würde sich das am 15. Geburtstag seiner Tochter kaum mehr ändern.
"Hallo Sara,
Liebes, hallo Leute. Ich habe gerade den Deal mit den Spandauern klargemacht. Mach' doch
eine Runde, Schätzchen!" Nun waren wir vier. Einer mehr, dem ich entkommen wollte. Es war
nicht schön, dass wir vier uns hatten. Ich versuchte es erst einmal mit einem Gang zur
Toilette, um Gott nicht zu verärgern. Als ich an die Bar zurückkehrte, hörte ich meinen
Fünf-Hefeweizen-langen Gesprächspartner mit Nummer 4 reden. "Ich habe heute Hochzeitstag.
Ich weiß auch nicht, was ich hier tue."
Ich ging nach oben auf mein Zimmer ein Zimmer
in einem Hotel in einer Stadt, in der ich lebte und legte mich schlafen. In meinem Traum
war Simone 15 und eine erfolgreiche Ponyreiterin. Ich war auf allen Turnieren dabei.
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