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Karstadt
„Ich habe heute einen Hund gesehen. Meine Güte, der war das Süßeste, was mir je begegnet ist.“
Sie macht ausschweifende Bewegungen. „So süß!“
Wir sind verabredet um zusammen zu Karstadt zu gehen. Wir lieben Warenhäuser. Große, in denen man
sich verirren kann, feine, in denen man auffällt, neue, in denen Probierstände einem das Leben versüßen
und vor allem, die kleinstädtischen, etwas schäbigen. Die wo es noch Wühltische gibt, mit Bikinis aus den
achtziger Jahren und Haarspangen für dreißig Cent. Wir lieben die kleinen Kleiderständer, die unter den
Treppen versteckt sind und Geheimnisse bergen. Wir suchen die vernachlässigten Ecken, aber wir lieben
auch das strahlende Licht und das Lächeln der Verkäuferinnen.
Unsere Haare werden mit pinkfarbenen Friedenstaubenhaarspangen, aus einer Ladenauflösung auf Sylt,
gehalten. Ein bisschen wippen, ein bisschen zittern die Friedensboten auf unseren nervösen Köpfen. Majas
Haare sind blond und fallen glatt auf ihre Schultern, wie Engelshaar für den Weihnachtsbaum.
„...und dann hat das Hündchen mein Bein geleckt und ich fühlte mich wie die Hundemutter. Weißt du, ich
war komplett alleine und der Hund irgendwie auch.“
Maja trägt nackte Beine, unter ihrem lockeren, knielangen Jerseykleid. Die Füße stecken in Lurexsocken,
aber die Beine sind nackt und man sieht ihre Gänsehaut.
Ich frage, was sie mit dem Hündchen gemacht hat, quietsche auf: „Du hast ihn, -nein!- du hast ihn in deiner
Tasche?“
Ich glaube nicht wirklich, dass sie irgendetwas echtes ihrer Tasche spazieren trägt, aber mir gefällt die
Vorstellung, wie er seine kleine Nase aus der Tasche steckt, wie seine glänzenden Dackelaugen sich im
Karstadt umsehen, wie er meine Hand lecken könnte.
Maja bittet mich weiter zu reden. „Erzähl was er noch macht!“ Manchmal legt sie ihren Kopf schief und sagt:
„...mit seinen Babyhundepfoten...“ oder: „...vielleicht so ein Geräusch...!“ oder: „...und dann die kleine,
feuchte Nase...“
Sie drückt mir ihre Nase in die Achselhöhle und bewegt sie, wie ein Hund. Wir lachen und fahren in die
Wäscheabteilung. Manchmal reibt sich Maja an mir, wie ein Welpe und jault leise auf. Ich streichle ihr den
Kopf. „Braver, kleiner.“
„Sag, mal, hättest du im richtigen Leben tatsächlich gerne einen Hund?“
Ich nicke schnell und lange. Dann zähle ich meine liebsten Hunde auf: „eine französische Bulldogge, einen
hellbraunen Kurzhaardackel, einen Bernhardiner, der nicht groß wird, eine dänische Dogge in hellgrau,
einen Mops, am liebsten aber gescheckt, wie ein Dalmatiner. Und immer wieder Hush Puppies...“
Wir graben in einem Berg Unterwäsche. Wir ziehen immer wieder Höschen hervor, zeigen sie einander,
lächeln anerkennend oder verziehen unsere Gesichter. Aber das ist mehr eine Nebenbeschäftigung. Die
Ausbeute ist schlecht, die Preise sind viel zu hoch. Bei einem entsetzlichen blauen Satin-Tanga tut Maja so,
als würde sie hyperventilieren.
„...auch süß sind Möpse, aber ich habe gehört das wär' Quälerei... Von Pudeln dagegen sagt man, sie
seinen dem Wolf noch am ähnlichsten. Und solange ein Pudel nicht rosa und geschoren ist?“
Statt einer Plastiktüte gebe ich Maja einen riesigen Oma-BH, um da rein zu atmen. Als sie das tatsächlich
macht und vorgibt, sich nur sehr langsam zu beruhigen, verfallen wir in nervöses Kichern.
„Das Problem bei Pudeln ist nicht das Fell, sondern die Kopfform!“ belehrt Maja mich. „Pudel haben
Omagesichter, alle.“
Ich nicke. „Stimmt, jetzt wo du's sagst.“
Maja sagt: „Ich mag Pinscher. Aber zu Hause möchte ich nicht mal ein Hundeei haben, geschweige denn ein
befruchtetes...“
Ich verziehe mein Gesicht zu einer ordentlichen Portion Ekel.
„Aber warum nicht?“ Maja war mir eigentlich immer vorgekommen, wie ein großer Hundefreund. Maja liebt
alle Tiere. Maja kann an keinem Punk vorbeigehen, ohne zu jauchzen, nur weil sie hofft, er könne eine
Ratte haben.
Sie streicht sich ihre Haare am Hinterkopf glatt. Sie betrachtet das dunkle Linoleum. In Kaufhäusern ist so
viel Licht, so viele Glas- und Spiegelflächen, dass einem beim Hineingehen alles vorkommt, als sei man in
einer perfekten Welt. Aber dann guckt man einmal runter, oder ins Treppenhaus, oder unter einen
Präsentationstisch und da ist nur noch doofes Linoleum, wie in der Schule.
„Ich fürchte mich vor Verantwortung.“
Das klingt, wie eine Antwort aus Selbstfindungs-romantischen-Komödien. Klar, kein Wunder. Wenn meine
Hände zu klein wären, um Standarthandschuhe zu tragen, würde ic h mich auch vor Verantwortung
fürchten. Aber darum nicht von einem eigenen, kleinen Hund zu träumen ist doch übertrieben. „Ich würde
den kleinen Kerl nur unglücklich machen. Einen Hund zu haben, aber sich in Parks zu fürchten, das geht
nicht zusammen. Und erzähl' mir nicht der könnte mich beschützen. So ein Quatsch.“
Maja sieht auf eine durch und durch ehrliche Art traurig aus. Ich fühle mich wie ein Idiot, weil ich zu blöd bin
zu sehen, dass es ihr heute zu schlecht geht, um irgendeinen dahingesagten Satz zu verteidigen, oder ein
Gefühl zu erklären. Jeder fühlt sich manchmal schwach. Und dann darüber reden wollen ist unsensibel und
gemein. Ich nehme Maja in den Arm. Sie schluchzt auf.
Die Haut von ihrem Gesicht ist warm und so dünn, dass ich merke, wie sie pulsiert, wie ein Kaninchen, das
sich fürchtet, wenn man es auf dem Arm hält.
Als sie mich loslassen möchte sind ihre Augen ganz rot. Einmal hat sie gesagt, ihr gefielte das gar nicht so
schlecht, dann würde das blau besser zur Geltung kommen. Und tatsächlich strahlt die blaue Iris in ihrem
rotgeweinten Nest ganz klar und sauber.
Aber heute würde ihr das nicht gefallen.
Bevor sie mich loslässt stürzt sie noch einmal zurück in meine Arme. Wie immer wenn sie weint, komme ich
mir groß und hart und dreckig vor. Wie ein Vater, der tröstet, oder ein Grizzlyfreund.
Dann öffnet sie ihre Tasche.
Das war klar!
Ich werde wütend, aber ich sage nichts.
Und außerdem: Die Nase ist feucht, die Augen gucken ganz müde.
Ich gehe in die Knie und streichle ihn.
Der kleine Rehpinscher kann ja nichts dafür. Jemand muss auf ihn aufpassen. Und Maja ist unfähig dazu.
Maja heult und heult und heult.
Ich nehme die bunte Nylonsporttasche hoch.
Sie ist schwer. Ich wundere mich wie Maja, die ja überhaupt keine Muskeln hat, aber wirklich gar keine, wie
sie die Tasche so lange tragen konnte.
„Und,“ fragt sie mich, „gefällt er dir?“
Ich sage, sie solle bitte abhauen. Ich bin ganz freundlich. Wie eine Mutter oder eher noch wie eine
Kindergärtnerin. Ich gebe Maja das Marienkäferpotemonaie, ihren Schlüsselbund, die Wasserflasche und
eine Tüte mit unterschiedlich bedrucktem Tesafilm.
Der kleine Hund guckt aus der Tasche und leckt mir die Hand.
Ich fahre hoch ins oberste Geschoß.
Dort setze ich mich ins Karstadtbistro, esse eine Kümmelstange, schlürfe Kakao und lasse den Pinscher an
der Hundebar trinken.
Morgen werde ich Schilder aufhängen.
Ich möchte gar nicht daran denken.
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