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Ebbe
Ihr Lächeln hängt an dünnen Fäden. Immerhin.
"Ist auch viel zu kalt", sage ich. "Lass uns zurückgehen."
Eine kleine Welle leckt ihr die Schuhspitzen.
"Das Wasser mag mich", sagt sie, bewegt kaum die Lippen.
Ich sehe hinauf zu den Dünen. Der Sand presst sich an den Boden, um nicht vom Wind mitgerissen zu werden.
Es ist keine Hilfe in Sicht. Ich muss es allein schaffen.
"Der Mann am Imbiss schmiert sich Ketchup in die Haare", sage ich. Es ist gelogen. "Er glaubt, es verhindert Haarausfall."
Es nützt nichts. Sie hört mir nicht zu.
"Hallo", sage ich und schwenke eine Handfläche vor ihren Augen.
Ihr Blick kommt von der anderen Seite des Meeres zurück.
"Es ist nett vor dir", sagt sie, "aber ich muss jetzt gehen." Sie macht einen Schritt nach vorn. Das Wasser weicht vor ihr zurück.
"Warte." Ich bücke mich, hebe einen weißen Stein auf. "Hast du das von den Diamanten gehört? In jedem tausendsten Brötchen ist einer eingebacken. Und jetzt hat eine Frau den Bäcker verklagt, weil sie sich daran einen Zahn ausgebissen hat. Stell dir das mal vor. Ich meine, das muss man sich mal vorstellen."
Ich hab keine Ahnung, was ein Psychologe in dieser Situation sagen würde, ich kann nur Unsinn erzählen und wie eine Welle über sie schwappen lassen.
"Guck mal." Ich stecke mir den Stein in den Mund. "Weißt du, dass die immer nach gesalzenen Himbeeren schmecken? Die weißen vor allem."
Ich hebe einen weiteren Stein auf, halte ihn ihr hin.
Ihr dünnes Lächeln gilt dem Meer.
"Früher mussten die Schulkinder mit einem Stein im Mund Englisch lernen. Doch dann ist einmal ein Lehrer gesteinigt worden - glaube ich."
Ich stelle mich vor sie, hole den Stein aus dem Mund, betrachte ihn gegen den Himmel.
"Mit dem hier stimmt was nicht", sage ich. Eine Welle nutzt die Gelegenheit in meine Schuhe zu schwappen. "Wenn ich den im Mund habe, höre ich orientalische Musik. Gibt's das?"
Ich lege den Stein auf meine Zunge, öffne den Mund und neige mich ihr zu. "Hör mal!"
Ihr Blick streift meine linke Schulter, geht über mich hinweg. Ich sehe nach unten. In unseren Schuhen gurgelt das Wasser.
"Oh, verdammt", ich presse mir die Hand gegen den Mund. "Ich hab den Stein verschluckt." Ich greife mir an den Hals. "Er wird mir den Magenausgang verstopfen. Ich muss sofort ins Krankenhaus. Hilfe!"
Ich fange an, auf und ab zuspringen. "Er steckt in der Speiseröhre fest. Was soll ich tun?"
Sie sieht mich an, schiebt die Lippen von rechts nach links. "Du bist ein Dummkopf."
"Ja", sage ich. Mir kommen die Tränen. "Ich werde sterben."
"Daran nicht", sagt sie.
"Nicht?" Ich stelle mich neben sie. Wir sehen ins Meer hinaus und schweigen. Ich zähle einfach die Wellen.
"Es ist Ebbe", sage ich. "Da ist es überall zu flach."
Sie dreht mir den Kopf zu, hat schmale Falten auf der Stirn wie Linien im Sand.
"Wir sollten wieder kommen, wenn Flut ist", sage ich. "Dann ist alles einfacher."
Sie nickt. Wir gehen den Strand hinauf. Der Sand zuckert unsere Schuhe.
"Hast du wirklich den Stein verschluckt?", fragt sie.
"Ja", sage ich.
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