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White Russian in Neugraben

Wäre mein Leben nach Drinkrezepten sortiert, gehörte Gesine oben drauf auf die Caipirinha-Karteikarte. Denn als sie im Januar aus ihrem All-Inclusive-Club-Urlaub aus der Karibik wiederkam, wollte sie noch ein wenig Exotik in ihren Alltag retten und ging ein paar mal mit mir aus, Caipirinhas trinken. Im Blauen Barhaus. Im Blauen Barhaus war es immer sehr voll, aber das war okay, im Januar und im Februar und im März war das Gedrängel und Geschiebe ein guter Ersatz für die Wärme der Südsee. Es waren meine ersten Caipirinhas, was mir hinterher immer seltsam vorkam, daß ich sowas früher nie getrunken hatte, obwohl doch in jeder Szenekneipe Leute mit diesen Gläsern voller Limonenviertel und zerstoßenem Eis rumliefen.

Gesine gehörte zu jenen Frauen, mit denen es beinahe mal was geworden wäre, wegen der ich mir einige Jahre früher nachts im Death Valley im Rucksack liegend beim Anblick der zahllosen Sternschnuppen allerhand romantische Dinge gewünscht hatte, die dann später nie passierten. Aber richtig dramatisch oder gar tragisch war es auch nicht gewesen, und deshalb war es okay, daß wir uns auf ein paar Caipirinhas trafen, ein klein wenig flirteten und uns so die Zeit vertrieben, bis wieder Menschen in unser Leben traten, mit denen man die Dinge tut, von denen einem amerikanische Filme immer vormachen, daß sie in jedes Leben gehören. Dinge, die man sich wünscht, wenn Sternschnuppen überm Death Valley niedergehen.

Gesine war das, was man den sportlichen Typ nennt. Mit ihren langen blonden Haaren und voluminösen Schmollippen hätte man sie leicht für eine typische Blondine halten können, aber zum Glück hatte sie auch ein paar Dinge erlebt, die nicht zwingend in die Welt einer typischen Blondine gehören. Außerdem hatte sie mit mir Amerikanistik studiert und war mal ein Jahr Au-Pair in Los Angeles gewesen und immer zu Fuß durch Beverly Hills gelaufen. Ständig hatten damals Autos angehalten und Leute gefragt, ob sie ihr helfen konnten, und waren immer sehr erstaunt gewesen, daß sie gesagt hatte, sie wolle einfach nur spazieren gehen.

An dem Abend, an den ich mich besonders gern erinnere, sahen wir uns gemeinsam "The Big Lebowski" im Abaton an. Originalfassung, denn schließlich muß es ja zu irgendwas gut sein, Amerikanistik studiert zu haben. Obwohl der Film so was von kaum einer Handlung hatte, lachten wir uns halbtot, und Jeff Bridges kippte alles zum Wodka, was irgendwie nach Sahne aussah, und trank den ganzen Film lang White Russian. Nach dem Film lud mich Gesine ein, noch mitzukommen auf die Cocktail-Party, die ein paar von ihren Arbeitskollegen bei der Krankenkasse veranstalteten, und dann fuhren wir hinaus nach Neugraben.

Neugraben liegt jenseits der Elbe, kurz bevor die lila S-Bahn-Linie aufhört, so weit im Süden von Hamburg, daß niemand, den ich kenne, dort wohnt. Die meisten meiner Bekannten waren auch noch nie da. Und dafür gab es gute Gründe. Das letzte Stück kamen wir nur noch an Sechziger-Jahre-Hochhäusern vorbei, die optimale Dekos für frühe Faßbinder-Filme abgegeben hätten. Ich war schon auf alles gefaßt, aber das Haus, wo die Party stattfinden sollte, war eines von wenigen Einfamilienhäusern. Als wir die Einfahrt hinaufgingen, hörten wir hinter dem Haus eine S-Bahn vorbeidonnern.

Der Gastgeber, Jan, und zwei andere Arbeitskollegen von Gesine empfingen uns in grauen Westen, weißen Hemden und schwarzen Hosen und nahmen Bestellungen für Drinks auf. Hinter ihnen, in der Küche, waren fünf Leute damit beschäftigt, Gläser abzuspülen und Cocktails zu mixen. Ich bestellte einen White Russian, und Gesine einen Mojito, und dann gingen wir ins Wohnzimmer. Es gab eine Schrankwand mit Rauchglastüren, die über Eck ging, und eine runde Ledergarnitur mit einem Tisch in der Mitte. Um den Tisch herum in der Ledergarnitur saßen fünf Frauen, die alle irgendwie gleich aussahen.

Kaum, daß wir einen Platz an einem hohen Stehtisch gefunden hatten, torkelte uns ein kleiner Mann Ende Dreißig im Anzug entgegen, den mir Gesine als Arbeitskollegen und als "Huby" vorstellte. Huby wollte auch meinen Namen wissen, obwohl er ihn augenblicklich wieder vergaß, und hörte gar nicht mehr auf zu reden, aber eigentlich sagte er immer nur wieder, daß Gesine "ja so ein feiner Kerl" sei, und alle in der Krankenkasse dächten das, und sogar der Pförtner hätte es gesagt.

Gesine hörte sich das Gerede von Huby geduldig an und wartete, bis es ihm von selbst langweilig wurde und er abdrehte, um andere Leute zu nerven. Dann warf sie einen Blick in die Runde und meinte: "Ist doch nett, daß Jan das Haus von seinen Eltern für die Party gekriegt hat," und war schon drauf und dran, das Jan auch zu erzählen, aber zum Glück war Jan gerade mit einer Drinkbestellung in die Küche gegangen, und deshalb konnte ich sagen: "Gesine, ich bin mir nicht sicher, ob das das Haus von Jans Eltern ist." Gesine sagte "Oh" und sah sich noch einmal um. Ich sagte: "Ich glaube, das ist Jans Haus." Sie sagte: "Da könntest du recht haben," und begann zu grinsen. Und dann kamen mein White Russian und ihr Mojito, und Gesine blinzelte mir zu, und der White Russian knallte ordentlich, und später testeten wir noch andere Cocktails, obwohl Gesine noch fahren mußte. Ich fand heraus, daß die Frauen in der runden Ledersitzecke alle eine ähnliche Haarfarbe und fast identische Frisuren hatten, obwohl die eine klein und rund, eine andere groß und rund, zwei groß und schmal und eine klein und schmal waren. Während ich noch darüber nachdachte, ob das irgendetwas zu bedeuten hatte, erzählten Gesine und ich uns alle guten Szenen aus "Big Lebowski" noch einmal, und zwischendurch warf sie mir einen Verschwörerblick zu und sagte: "Gut, daß ich das Jan nicht gesagt habe".

Huby kam noch zweimal zurück, um allen zu erzählen, was für ein feiner Kerl Gesine doch sei, und alle drumherum verdrehten die Augen, wenn Huby mal wegguckte. Gesine stellte mir einen großen, schweigsamen Mann vor, mit dem sie im selben Büro saß, und von dem ich wußte, daß es vielleicht mal was mit Gesine und ihm werden könnte. Der große, schweigsame Mann war nett, blieb aber den Rest des Abends groß und schweigsam. Als Huby noch einmal zurückkam und anfing, mit mir darüber zu streiten, daß ein White Russian gar kein Cocktail, sondern ein Longdrink sei, hakte mich Gesine unter und wir gingen.

Es wurde dann doch nichts mit Gesine und dem großen, schweigsamen Mann von der Krankenkasse, denn sie lernte jemand anders kennen und zog ziemlich schnell mit ihm zusammen, und als sie im letzten Januar auf meinen Geburtstag kam, war sie schon im sechsten Monat schwanger.

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