|
Lieber den Spatz in der Hand
Sie sah gut aus. Sie sah verdammt gut aus. Ich konnte es nicht glauben, dass sie über mir einzog. Als sie mit einem Helfer einen Schrank hochschleppte, traf ich sie zufällig im Treppenhaus und packte mit an. "Jasmin Langehagen" stand auf einem bereits angebrachten Namensschild. Wir schleppten den Schrank in ihr Schlafzimmer; ich sah mich ein wenig um. Am Abend, als ich allein in meinem Bett lag, war ich verwirrt. Der Gedanke, dass sie da jetzt über mir wohnte, lebte, dass ihr Bett quasi über meinem stand, dass sie sich über mir auszog, das Nachthemd anzog, vielleicht schlief sie auch nackt, in Griffweite, was machte sie da nachts so ganz allein? Sie war Anfang 20 und gerade nach Berlin gekommen. Hatte sie einen Freund?
Ein paar Wochen später, ich hatte sie fast vergessen, ging es plötzlich los. Ich lag da und horchte. Da war doch was? Tatsächlich! Nein, jetzt war es wirklich nicht mehr zu überhören, nein, das waren nicht die Pornos vom Typ nebenan, das kam eindeutig von oben. Ein leises Gurren. Hörte ich es giggeln? Quietschten Federn? War da ein Stöhnen? Es wurde lauter. Als ich das zweite Mal gekommen war, waren sie immer noch dabei. Ich schlief glücklich und erschöpft ein. Von oben drangen weiter eindeutige Geräusche zu mir durch, doch für die sozusagen erste gemeinsame Nacht war ich vollauf zufrieden.
So ging das eine ganze Weile lang. Manchmal konnte ich vor Enttäuschung kaum einschlafen, weil nichts passierte. Meist wurden meine Hoffnungen aber erfüllt. Ich lag quasi in der ersten Reihe, war direkt dabei. Wie ihr Lover sie jetzt von hinten nehmen würde! Wie ihr dieses gnadenvolle Gurren aus der Kehle kroch, wenn sie sich von ihm lecken ließ! Und das alles, ich hatte nachgemessen, 248 cm von meinem Laken entfernt, dann noch die Wand, geschätzte 50 cm, da Altbau, das Bett samt Matratze nochmal so 50 cm, 348 cm von meinem bebenden Becken entfernt spielten sich die wildesten Szenen meiner Phantasie leibhaftig ab, und irgendwie war ich mit dabei.
Wir hatten eine gute Zeit. Es war nie die ganz große Leidenschaft, kein filmreifes Gestöhne, keine "oh Gott!"-Schreie, und ihr Liebhaber war sehr diskret, nur manchmal meinte ich sein Ächzen zu hören, wenn sie gleichzeitig besonders erfüllt gluckste, aber was bedeuten schon solche quantitativen Maße - sie waren ausdauernd und fast immer willig, sie genossen es in Sessions von einer Stunde und länger, sie schienen unersättlich.
Ich weiß nicht mehr, wie viele Tempo-Packungen ich in Jasmin Langehagen investiert hatte, in sie und ihr Gurren, und oft hatte ich gehofft, unsere still vereinigte Dreisamkeit möge niemals enden - nur manchmal, doch leider zunehmend, schaltete sich eine unerwünschte Stimme aus dem Off ein. "Du elender Voyeur", raunte sie mir zu, "seit Wochen liegst du hier und speist dich mit einer solchen Ersatzbefriedigung ab. Das kann doch wohl nicht alles sein! Du willst doch selbst leben, lieben und all das!" Ach ja... eigentlich hatte ich davon noch die Nase voll. Da war mir diese Lösung jetzt gar nicht so Unrecht. Noch eine Weile gelang es mir, die Stimme wieder abzustellen und stattdessen den süßen Geräuschen über mir zu lauschen, doch jedes Mal, wenn ich in meiner Stammkneipe meinen alten Schwarm Anna traf, die sich gerade von ihrem Freund getrennt hatte und sich offenbar ganz gut mit mir unterhielt, dachte ich, vielleicht ist die geheimnisvolle Mieterin über mir ja doch nicht alles. Oft saß ich mit Anna beim Bier und philosophierte über dies und das, lugte vorsichtig auf ihr T-Shirt, das sie immer einen Hauch zu eng trug, und ich fragte mich, ob sie mir wirklich nur von ihrem Ex erzählte, um alles zu verarbeiten, wie sie stets behauptete, oder ob sie sich allmählich fragte, ob ich womöglich schwul sei. Doch noch litt ich keine Not, denn ich wusste, all mein Begehren würde sich zu späterer Stunde schon erfüllen, und mich ängstigte nur, Jasmin könnte mal wieder eine Nacht bei ihrem Lover verbringen.
Doch eines Tages wurde der Leidensdruck zu groß. Ich fasste einen Plan: Ich lud Anna zu mir ein, ich betete und hoffte, dass meine Obermieterin nicht gerade heute enthaltsam leben würde, nervös brachte ich ein Glas Wein nach dem anderen an - merkte sie die ungewöhnlich langen Gesprächspausen, während derer ich angestrengt lauschte - da endlich, tatsächlich: Es ging los. Das konnte sie unmöglich überhören. Die Geräuschkulisse musste sie doch genauso elektrisieren wie mich. Jetzt brauchte ich nur noch das Gespräch auf die Ereignisse einen Stock höher zu lenken - "Oh, hörst du das?" fragte ich so unschuldig wie möglich - klang es nicht gerade so, als würden sie über uns gleich zum krönenden Abschluss kommen?
"Ach ja, ich hatte auch mal so Tauben vor meinem Fenster. Dieses Gegurre kann einem manchmal ganz schön auf die Nerven gehen", sagte sie.
"Was?" Ungläubig sah ich sie an, stakste zum Fenster, öffnete es. Vom Fensterbrett an der Wohnung über mir stoben fünf oder sechs offenbar durch mich aufgeschreckte Tauben verärgert gurrend davon. In der Wohnung darüber war kein Licht. Danach war nichts mehr zu hören.
Am nächsten Morgen schlich ich ein Stockwerk höher. Das Namensschild an ihrer Tür war weg. Wie besessen klingelte ich. Sekundenlang. Minutenlang. Vielleicht stundenlang. Die Tür zur Nachbarwohnung öffnete sich. Der alte Herr Schempowski raunzte mich an: "Nun hören
Sie schon auf. Die Langehagen hat hier doch noch keine zwei Wochen gewohnt, da ist sie schon vom Laster überrollt worden. Die Wohnung steht zur Vermietung. Haben Sie Interesse? Kennen Sie wen?" Ich kannte niemanden.
|