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1998 - Santa Margherita Ligure
Steinway C, 1928
Claude Debussy: "La fille aux cheveux de lin" aus den Préludes, Band 1
"Oh, Sie haben mit Musik zu tun? Dann muss ich Sie mit Piero bekannt machen". Die Dame mit
den kolossalen Ohrringen verschwindet wieder in der Menge ihrer Gäste, und Laura wirft mir einen belustigten Blick zu. Wieder ein Opfer gefunden. Kurz darauf taucht die Ohrring-Frau mit einem baumlangen, schlacksigen Mann aus der Menge auf. Er hat weißes, dichtes Haar, seine schmalen Schultern hängen leicht nach vorne. Er sei Pianist, sagt er, und sehr stolz, mich kennenzulernen. Wir plaudern ein wenig über Musik, ich erzähle über meine Sendung, in der ich historische Aufnahmen aus der guten alten Zeit vorstelle. Ich müsse unbedingt seine Instrumente sehen. Wir verabreden uns für den darauffolgenden Tag, gibt mir eine Wegbeschreibung, und ich wundere mich, als er mit seiner Frau eine Diskussion darüber beginnt, ob von der Viale Fortunato Costa ein Zugang zu ihrem Grundstück existiert. Ein Kauz, ganz klar.
Laura kommt angeschlichen, zupft mich am Ärmel und flüstert: "Er sagt, er sei Pianist. Aber er hat schon seit Jahrzehnten kein Konzert mehr gegeben. Zuletzt hat er für den Philosophenkongress gespielt, in seinem Haus. Er hat umsonst gespielt und musste ihnen noch das Essen hinterher bezahlen. So liegen die Dinge." Ich wende mich ab, achselzuckend.
Am nächsten Tag staune ich nicht schlecht, als mich der Taxifahrer vor einer imposanten Toreinfahrt auf dem Vorgebirge von Portofino absetzt. Scheint ein wohlhabender Kauz zu sein, immerhin. Piero empfängt mich mit umwerfender Herzlichkeit, zerrt mich gleich zu seinen Instrumenten. "Lass ihn doch erstmal seine Jacke ausziehen", lacht seine Frau. Keine Chance, Piero geht ins Klavierzimmer: in einem großen, mit dunkelgrünem Stoff ausgekleideten Salon drängeln sich drei Konzertflügel. Steinway D, Bösendorfer Imperial, Bechstein Grand. Immer noch besser als einen Porsche, einen Aston und einen Ferrari in der Garage, denke ich. Wenn auch nicht wesentlich billiger.
Piero schlurft an den Steinway, schaut mich herausfordernd an. Seine Augen beginnen zu blitzen. Er hält kurz inne, spielt dann ein Wechselnotenpärchen. Dann presst er die Daumen gegen seine Zeigefingerspitzen, hämmert eine absteigende Repetitionsfigur in die Tasten. Ah, klar - Debussy, La puerta del vino! Dann Pedal, der Serenaden-Rhythmus verschwimmt ein wenig im Akkordnebel, aber Piero lässt das Pedal nicht los. Ich bekomme eine Gänsehaut, als ich verstehe, warum: so habe ich dieses Stück noch nie erlebt. Die rummelige Tavernen-Stimmung, die Versatzstücke von Liedern und Gesängen, das Murmeln der Menge, die schwitzige Atmosphäre, der sehnsuchtsvolle Klagegesang, über den immer wieder der Tavernenlärm schwappt - noch nie zuvor hat mir jemand dieses Stück vorgemalt. Vorgespielt, ja. Aber das ist eine andere Liga.
Wir gehen in ein riesiges Vestibül, wo ein weiteres Instrument steht: ein Uralt-Steinway ist wie zu dekorativen Zwecken aufgestellt worden, über und über bedeckt mit Noten und Bilderrahmen. Ich bin noch ganz betäubt, als Piero mir seine Geschichte erzählt: Sohn wohlhabender Chemieunternehmer studiert gegen den Willen seiner Eltern Klavier. Konzertexamen in Sion. Dennoch wird er vom Vater gezwungen, im elterlichen Betrieb einfache Arbeiten zu verrichten, 10 Stunden am Tag. Nach dem Tod des Vaters kann er das Ruder nicht mehr herumreißen, er übt für sich alleine, gibt sporadisch Konzerte im Auftrag der Bäder- und Kurverwaltung. Dann lernt er den Dirigenten Victor de Sabata kennen, arbeitet mit ihm. Die letzten Jahre seines Lebens verbringt de Sabata in Pieros Haus, unterrichtet ihn, und wird schließlich von Piero und seiner Frau gepflegt - bis zu de Sabatas Tod 1968. De Sabata! Einer der größten Operndirigenten hat hier gelebt? "Ja. Du sitzt gerade an seinem Flügel".
Tage später klappe ich ehrfurchtsvoll den Deckel des alten Steinway hoch. Piero hat mir erlaubt, für die Dauer meines Urlaubsaufenthaltes an de Sabatas Instrument zu üben. Die Tasten fühlen sich fester an als bei zeitgenössischen Instrumenten, bewegen sich trotz aller Leichtgängigkeit sehr präzise. Ich fische ein wenig in dem Stapel mit vergilbten Noten herum, finde schließlich die "Préludes" von Debussy. Als ich den energischen Namenszug oben rechts auf dem Deckblatt lese, zucke ich leicht zusammen: ich spiele nicht nur auf seinem Flügel, sondern auch noch aus seinen Noten. Ich schlage "La fille aux cheveux de lin" auf, das müsste von allen Stücken noch am besten sitzen. Das "des" am Anfang klingt wie ein silbernes Glöckchen, das Pendeln am Anfang gelingt mir so naiv und verspielt wie nie zuvor. Ich kann die Wärme spüren, die dieses Instrument ausstrahlt. Takt 4: ich nehme behutsam Anlauf, auf den ersten Akkord in Takt 5 hat de Sabata einen kleinen Akzent gemalt. Warum nicht? Ich merke, wie mich das Instrument aufsaugt, führt. Die Signale in den Noten sind eindeutig, und irgendwie habe ich das Gefühl, der Flügel kennt den Weg genau. Ich verkneife mir das larmoyante Ritardando in Takt 19, ziehe stattdessen das Tempo an und bin erstaunt, wie kühn das plötzlich klingt. Schlussakkord. Der Steinway summt friedlich, wie ein ferner Bienenschwarm über einer Blumenwiese. Und ich habe doch gar nichts dazu beigetragen.
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