i n a_b r u c h l o s


Geistiger Diebstahl


"Vermutlich ist es eine angelsächsische und amerikanische Eigenheit, dass ein Schriftsteller seine Arbeit für sich behalten soll, und ich bin offensichtlich damit geschlagen. Ich glaube das wechselseitige Unbehagen unter Schriftstellern kommt daher, dass sie sich alle auf der gleichen Ebene befinden, wenn sie Romane schreiben. Ihre unsichtbaren Antennen tasten die Luft nach den gleichen Schwingungen ab; oder, um eine grobschlächtigere Metapher zu benutzen, sie schwimmen alle in derselben Tiefe, die Zähne gefletscht auf der Suche nach der gleichen Art treibenden Planktons."
(Patricia Highsmith: Suspense oder Wie man einen Thriller schreibt, S.15, Diogenes Verlag AG Zürich 1990)


Meine Mutter fragte mich, ob ich mich an das Foto erinnern könne, das Foto aus Amerika, auf dem sie an einem pinkfarbenen Cadillac lehnte, das Foto, das ich gemacht hatte und ich mich deshalb sehr wohl daran erinnerte, weil man sich meistens daran erinnert, wenn man aktiv wird und selten, wenn man nur zuhört.
Deshalb fragte ich auch meine Mutter, was sie gerade erzählt hatte, und sie sagte pinkfarbener Cadillac. Ich sagte, klar Amerika und sie meinte, ich solle zugeben, dass ich es geklaut hätte, sie könne es nicht mehr finden.
Das war die Art meiner Mutter mit Verlusten umzugehen. Abwesende Dinge wurden im Haus meiner Eltern geklaut oder die Putzfrau wurde bezichtigt, sie habe es weggeworfen. Nachdem es aber selbst meiner Mutter seltsam vorkam, dass die Putzfrau ein einzelnes Foto wegwarf, musste ich es gestohlen haben, oder Kati. Aber auch Kati wurde in der Regel nur des Schallplattendiebstahls bezichtigt, meine Tante und ich waren dagegen seit jeher Fotodiebe. So wie andere Eltern ihre Kinder und Verwandten in Versager oder Überbegabte, ihre Freunde in Reaktionäre, Spießer oder Geizhälse unterteilten, fanden meine Eltern für jeden Verwandtschafts- oder Freundesgrad kriminelle Nischen. Kati klaute Jazzplatten, mein Bruder Bücher, meine Tante und ich ausschließlich Fotos. Nicht dass es meine Eltern beweisen konnten. Nicht dass ich glaube meine Tante habe überhaupt jemals in ihrem Leben gestohlen. Die Unterstellungen meiner Eltern waren einfach absurd. In Wirklichkeit hatte ich die Schallplatte meines Vaters, die Kati geklaut haben sollte und die Fotos waren wahrscheinlich in irgendeinem Schuhkarton, den die Putzfrau vergessen hatte wegzuwerfen.
Was ich an dieser Geschichte schon immer seltsam fand, war die Tatsache, dass meine Eltern Diebstähle ausschließlich Leuten unterschoben, die sie mochten. Es gab genug Menschen, die sie hassten, aber so wie andere ihr Feindbild ausbauten, indem sie den schlechten Menschen die schlimmsten Dinge zutrauten, waren die Diebe im Haus meiner Eltern die Freunde. Die schlechten Menschen wären wahrscheinlich auch nie wiedergekommen, würden sie bezichtigt die Johnny Cash Platte meines Vaters zu mopsen, die guten dagegen waren empört und Kati fragte beleidigt, was mein Vater meinte, was sie sei und mein Vater grinste und sagte ein Schallplattendieb.
Ich fragte mich ob die Diebstahltheorie meiner Eltern auf Deutsche im allgemeinen anzuwenden sei, so wie ich mich manchmal frage, ob meine Eltern auf Deutsche im allgemeinen anzuwenden sind, kam aber zu dem Schluss, dass dieses mathematische Problem ein psychologisches Problem bleibt und es auch nichts nutzt das Werk Verständigung im Tierreich zu erwerben, denn Tiere verstehen sich, klopfen auf den roten Punkt des Möwenschnabels, weil sie Hunger haben und würden nicht im Traum auf die Idee kommen gegen ein Eisbärschnäuzchen zu tippen. Oh ein Missverständniss. Ich kaufte das Buch bei einer Bibliotheksauflösung und meine Mutter sah den Büchereiaufkleber und fragte, ob ich mittlerweile schon Büchereien bestehle und ich antwortete, nein mein Bruder, ich klaue in der Regel Fotos. Meine Mutter nickte und ich versuchte gar nicht erst gegen das Cappuccinomäulchen zu klopfen. Sie würde mir sowieso nicht glauben.
Mein früherer Mitbewohner arbeitete in einer Kanzlei. Jeden morgen fuhr er mit seinem Fahrrad zur Konstabler Wache und als er einmal früher Feierabend hatte und nachhause wollte, sah er, wie ein Dieb sich an seinem Fahrradschloss zu schaffen machte.
Mein Mitbewohner brüllte: He du Arschloch. Das ist mein Fahrrad.
Der Dieb hielt empört inne und sagte warnend, er möge ein Dieb sein. Aber er sei kein Arschloch. Mein Mitbewohner wiederholte seine Worte, für ihn sei er eins, der Dieb forderte ihn auf, das Arschloch sofort zurückzunehmen, wo käme man da hin, er kenne ihn doch gar nicht. Christian meinte, er brauche ihn auch gar nicht zu kennen, offen gestanden wolle er das auch gar nicht, aber das sei sein Fahrrad und für ihn klauten immer noch Arschlöcher fremde Räder. Erschöpft kam er zuhause an, er sei müde, er habe mit einem Arschloch diskutieren müssen, wo käme man da hin, man müsse jetzt schon mit Dieben rätseln was sie seien, morgen nehme er die Bahn.
Die Auseinandersetzung mit dem Thema Diebstahl hat mich zeit meines Lebens nicht losgelassen. Die Menschen betrachten meine Bilder, und es bleiben die zwei elterlichen Komponenten: Die Putzfrauen behaupten, das sei keine Kunst und man könne es getrost wegwerfen und die Familie im weitesten Sinne, man habe bei Polke geklaut. Und obwohl mir nie auffiel, dass ich bei Polke geklaut haben könnte, finde ich es auch familienpsychologisch betrachtet nicht weiter schlimm bei Polke zu klauen. Ich mag Polke. Schlimm wäre es, man klaute bei Lüpertz oder Handke, aber solange man von Bernhard oder Vermeer profitiert, ist alles in Ordnung.
Mein Verhältnis zu geistigem Diebstahl stützt die These meiner Eltern: Die Beklauten sind gute Menschen und die Diebe gehören sowieso zur Familie. Doofe Leute wären letztendlich auch gar nicht in der Lage schöne Dinge zu stehlen, und so wie ich einen hübschen Polke abkupfere, klaut Kati die tollen Platten meines Vaters.
Meine Mutter fragte: Und? Hast du das Foto? Ich klopfte gegen den mütterlichen Schnabel und dachte, natürlich nicht. Zu meiner Mutter aber sagte ich: Klar, das hängt hier neben meinem kleinen Holländer und der Titel ist von tocotronic: pure Vernunft darf niemals siegen.

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