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Niemand bleibt zurück
Seht, da sitzen zwei, da im Bushäuschen an den Fördebrücken; sitzen da nebeneinander auf der schmalen Bank, Mutter und Tochter, und haben sich ihre Einkaufstaschen zwischen die Knie geklemmt. So sitzen sie da und warten. Und die eine hebt ihren linken Arm bis in Augenhöhe, zieht den Ärmel ihres Mantels ein wenig zurück und spricht. "Noch zwei Minuten", sagt sie und läßt den Arm wieder sinken.
Hinter ihnen, da ist Hafen. Da liegen die weißen Dampfer leer an der Anlegebrücke fest, und gemächlich schwappt das blaßgrüne Wasser, in dem die Ohrenquallen ihren seltsam schwebenden Tanz vollführen, gegen die schwarzen Rümpfe der Schiffe und die algenbedeckte Kaimauer. Auch einige Möwen lassen sich da träge im Wasser treiben oder sitzen still auf einem der Poller, Ausschau haltend nach möglicher Beute. Und weiter vorn, da am Kai, steht ein älteres Ehepaar vor dem Fahrkartenschalter der Reederei und stellt der Frau hinter Glas, die versunken an ihnen vorbei auf den stetig fließenden Straßenverkehr blickt, immer die gleiche Frage: "Taler du Dansk?"
Am Bushäuschen hebt die eine eben erneut ihren linken Arm schräg vors Gesicht und blickt auf ihre Uhr, deren schmales Armband am Handgelenk zu erkennen ist. "Sie ist bereits eine Minute über die Zeit", sagt sie. Da ergreift die andere behutsam ihren Arm, drückt ihn vorsichtig nach unten, bis er wieder ruhig auf dem Oberschenkel liegt, und sagt: "Wird schon kommen, wird schon. Wir haben es doch nicht eilig, Mutter." - "Nein", sagt die, "aber sie müßte längst hier sein."
Dort an der Ampel überqueren jetzt mehr und mehr Menschen die Straße. Sie gehen ein Stück auf dem Fußweg entlang, kommen zur Haltestelle und stellen sich auf; sie stehen im lauen Wind, der vom Hafen hinüber in die Stadt zieht, und warten.
"Zwei Minuten", sagt die eine. Die andere: "Sie wird sicher gleich hier sein. Gedulde dich doch ein wenig." Sie greift nach dem erhobenen Arm der anderen, doch die, seltsam erregt, zieht ihn mit einer ruckartigen Bewegung an den Körper, ohne jedoch dem gezielten Griff zu entkommen. "Ich will sehen, wie lange ich warten muß", sagt sie. "Sei doch nicht albern", die andere. Doch da reißt sie ihren Arm mit Gewalt los, dreht ihren Körper weg. "Ich bin ja nicht albern", sagt sie. "Sie ist zu spät. Wenn das immer so ist, kann ich ja gleich später kommen." - "Ach, Mutter", sagt die andere und dreht sich ebenfalls zur Seite weg. "Und jetzt sind es schon drei Minuten."
"Entschuldigen Sie"; das ist zu einem Mann gesagt, der, eine Zigarette rauchend, vor dem Bushäuschen steht. "Was ist, was soll das?" flüstert die eine der anderen zu. "Was willst du denn von dem?" - "Ich will nur etwas klarstellen", sagt die, und lauter: "Entschuldigen Sie, bitte." Langsam dreht sich der junge Mann um und blickt Mutter und Tochter fragend an. "Könnten Sie uns vielleicht sagen, wie lange wir noch warten müssen?"
Der junge Mann beginnt, sein Gesicht dabei verziehend, in einer Hosentasche zu kramen, und er zieht eine alte, silberne Taschenuhr daraus hervor. Er klappt den Deckel auf und sagt: "Noch zwei Minuten." - "Wirklich?" fragt die eine. "Ja", sagt er, weist dann aber in Richtung Straße und setzt hinzu: "Warten Sie, da kommt sie schon. Die Sieben ist zu früh."
Und wirklich: schon hält die Sieben vor dem Bushäuschen, und die ersten Fahrgäste steigen aus. Sie schieben sich durch die Menge der auf den Einstieg Wartenden und gehen eilends zur Ampel hinüber. Schwer an ihren Einkaufstaschen tragend, kommen auch Mutter und Tochter heran und reihen sich ein. "Jetzt ist doch alles gut", sagt die eine zur anderen, die vor ihr in der Reihe steht und ihre Armbanduhr betrachtet. "Nichts ist gut", sagt die, "gar nichts."
Aber da nimmt der Strom der Einsteigenden sie schon in sich auf und führt sie in den Bus. Schon schließen sich die Türen, und der Bus fährt ab. Niemand bleibt zurück.
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