|
Ende. Neu
Am letzten Tag meines alten Lebens saß ich an der Elbe und heulte. Der Himmel über den
Docks verfärbte sich stufenweise, türkisblau, dunkelblau, blaugrau, schwarz. Die
Menschen auf der anderen Seite des Flusses arbeiteten, man konnte sie nicht sehen, aber
die Maschinen lärmten gleichmäßig in die Nacht hinein. Es roch nach Feuer und nach
schmutzigem Hafenwasser, wie es immer gerochen hatte, seit ich in einem bunten Kleidchen
über den Strand gelaufen war, das weißblonde, glatte Haar zu zwei Zöpfen gebunden, mir
die Knie aufgeschlagen hatte zwischen den Steinen am Ufer, fang mich doch, du Eierloch;
seit ich Sonntags mit meinen Großeltern unten in der Strandperle gesessen hatte, wo
die Spatzen die Kuchenkrümel von den Tellern pickten; seit ich in dem ersten Winter,
an den ich mich erinnere, auf einen Pfahl am Strand geklettert war und mir Rostflecken
in meinen neuen Anorak gerieben hatte, die meine Mutter später mit Butter heraus
wusch; seitdem roch es so.
Das Bier war schal geworden in der Flasche, die ich seit Stunden fest hielt, ich pulte
das Etikett von dem braunen Flaschenbauch ab, ein Herz und ein Anker, steckte mir eine
Nelkenzigarette an, ein großes Schiff schob im Vorbeifahren kleine, gleichmäßige Wellen
auf den Strand.
Ich hatte versucht, mich wenigstens nicht auch noch zu verlieben, aber nicht einmal das
war mir gelungen.
Wenige Meter entfernt saßen Menschen um ein Feuer, jemand spielte Gitarre und sang dazu,
redemption song, alle spielen immer Bob Marley; nach der Schule hatten wir hier
unsere Sachen verbrannt, gegrillt, billigen Rotwein aus der Flasche getrunken;
vielleicht habe ich hier den einen oder anderen geküsst, von dem ich
jetzt schon nichts mehr weiß.
Ich nahm eine Handvoll Elbsand und steckte sie in meine Tasche.
Won't you help to sing.
A. hatte mich nicht gefragt, ob er mitkommen dürfe. Er hätte nicht gedurft, weil ich
allein sein wollte, aber er hätte wenigstens fragen können. Ich ließ den Sand durch
meine Finger rieseln, wischte mir mit der anderen Hand die Haare aus dem Gesicht, roch
prüfend an meinem Ärmel. Meine Jacke würde am nächsten Morgen riechen, wie sie immer
gerochen hatte, nach Schwefel und verschüttetem Alkohol, meine Mutter würde sie zum
Lüften auf den Balkon gehängt haben, der Sand in der Tasche würde bleiben, für Jahre.
Ich stand auf, weil ich fror, lief den Strand entlang, runter zum Anleger, die letzte
Fähre war schon weg; drüben leuchteten die Kräne gelb und blau, die Schlepper rieben
sich knirschend aneinander, das Wasser klatschte dumpf gegen die Mauer. Ich lief zum
Ende des Anlegers und prüfte die Rückseite eines morschen Pfeilers, mein Etikett war
noch da. Wochen hatte ich damit zugebracht, kleine, selbstklebende Etiketten, auf die
ich dilettantische Selbstportraits gezeichnet hatte, auf Laternenpfähle, Mülleimer,
Stromkästen und die Rückseite von Straßenschildern zu kleben, mein Revier zu markieren,
mich zu verewigen, obwohl ich wusste, dass es eine sehr kurze Ewigkeit sein würde.
A. hatte das mit den Etiketten nicht verstanden.
Wir hatten in der Kantine im Keller des Theaters gesessen, auf langen, roten
Kunstlederbänken, an zu hohen Tischen, ich suchte die Stelle, an der ich vor Jahren
meinen Namen mit dem Feuerzeug in das Holz gebrannt hatte und fand sie nicht, A. stellte
mir ein Bier vor die Nase und sagte: ist was, ich sagte: ich muss mal. Auf dem Weg zur
Toilette bog ich in den Gang ab, der ins Hinterhaus führt, an der grünen Eisentür musste
ich den Zahlencode eingeben, der sich nicht geändert hatte, seit A. und ich vor Jahren
das erste Mal den Milchkaffee am Automaten in Plastikbierbecher gefüllt hatten, wie die
Schauspieler es taten. Ich lief den schmalen Gang hinunter, fuhr mit der Hand den
türkisen Streifen entlang, an einer Tür klebte noch dieses Bild, das Bild eines Ritters,
in den ich vor langer Zeit sehr verliebt gewesen war. Ich lief die Treppen hinauf, das
Treppenhaus war kalt und still, in der Ecke neben dem Notausgang standen Flaschen und
ein Haufen schmutziges Geschirr auf dem Boden.
Der Bühnenraum war dunkel und leer, bis auf ein paar Podeste, die übereinander
gestapelt in einer Ecke standen. Ich setzte mich auf die Rampe, es roch nach Holz und
nach Staub, wie es immer gerochen hatte. Im Zuschauerraum brannte ein schwaches Licht,
die goldenen Verzierungen an den Wänden glänzten matt, unter einem Platz in der ersten
Reihe hatte jemand seinen Programmzettel zurück gelassen. Ich saß lange so und dachte
an die vielen Male, die ich hier gesessen hatte und an das eine Mal, als ich hier stand
und tatsächlich ein paar Sätze sagen durfte, in einem kleinen, merkwürdigen Stück, an
das sich hier später niemand mehr gern erinnerte. A. hatte nie hier gespielt, dafür
hatte er einen Job in der Öffentlichkeitsarbeit gehabt und ein Verhältnis mit einer
Schauspielerin, die zehn Jahre älter war als er.
A. hatte mich nicht geküsst, später, als wir runter zur 3-Schwerter-Wiese gingen, nur
wir beide, ohne die anderen; er hatte mich nicht einmal angesehen, unten am Fuß der
Statue, wo die Schwäne aufdringlich schmatzend zwischen den Steinen herum schwammen und
sich gestört fühlten, A. hatte die Augen geschlossen und nicht geantwortet, als ich
fragte: woran denkst du.
Und am nächsten Tag, im Freihafen, auf den rostigen Schienen unter den alten Kränen am
Kaispeicher, hatte A. mich auch nicht geküsst, obwohl ich ihm gesagt hatte, dass ich
fort gehen würde. A. hatte nur gelacht und mich fotografiert, weil er genau weiß, dass
ich es hasse, fotografiert zu werden, er hatte mir den Stummel seines Joints hin
gehalten und gefragt: Kopfschuss, ich hatte geschwiegen und ins Hafenbecken
gespuckt, A. hatte den Stummel in den Schotter geworfen und mit dem Fuß ausgedrückt,
dass es knirschte, dann ging er zu den alten Kontorhäusern und fotografierte die
Touristen, die die Häuser fotografierten und die Baustelle und dieses Schild: jedes
Verweilen unter schwebenden Lasten verboten.
Am ersten Tag meines neuen Lebens saß ich in meiner neuen Wohnung am Fenster und heulte.
Im Hinterhof stand eine alte Fabrik, mit vergilbten Wänden, von denen der Putz
bröckelte und rostigen Gitterfenstern, dahinter war alles schwarz; ich stellte mir vor,
dass dort jemand heimlich lebte und mich beobachtete; abends traute ich mich nicht,
Licht zu machen. Neben der Fabrik stand ein hoher, alter Birnbaum. Ich saß am offenen
Fenster und sah den Mauerseglern zu, die über der Fabrik kreisten, die Dämmerung
leuchtete blau; ich zündete mir eine Zigarette an und beobachtete die Lichter, die in
den umliegenden Häusern angingen, eins nach dem anderen, kleine, orangefarbene
Rechtecke, wie auf einem Adventskalender.
A. verabschiedete sich nicht von mir, obwohl ich es ihm verboten hatte und er sonst
immer genau das tat, was ich versuchte, ihm zu verbieten.
Die Männer mit dem Umzugswagen kamen früh am Morgen, schoben meine zehn Kartons, das
Schlafsofa, die Kommode, den Korbstuhl, die Stehlampe und das Fahrrad auf die Ladefläche,
meine Mutter stand am Straßenrand, mit einer Thermoskanne in der Hand und Tränen in den
Augen, ich strich mit der Hand über die Rinde des Baumes vor der Tür, den man vom
Küchenfenster aus hatte sehen können; meine Mutter schenkte Kaffee in kleine, braunweiße
Plastiktassen, drückte einem der Männer ein Bündel Scheine in die Hand und sagte zu mir
ruf mich an, ja; ich umarmte sie wortlos und stieg in den Wagen.
Auf der Autobahn regnete es, ich saß am Fenster, der Mann neben mir roch nach Schweiß und
ein Bisschen nach Alkohol, im Radio liefen Oldies; ich legte den Kopf an die Scheibe und
sah nach draußen. Wir hielten zwei Mal an, um zu pinkeln und zu tanken, auch um zu rauchen,
das erste Mal schon kurz hinter Hannover; die Männer tranken Bier und aßen Bockwurst im
Brötchen, der eine kleckerte sich Senf auf die Hose, ich setzte mich vor der Raststätte
auf den Kantstein, der andere fragte alles in Ordnung, Mädchen, ich sagte ich will nach
hause.
Wir kamen von Norden in die Stadt hinein, überall waren Baustellen und verfallene Häuser,
die Männer stritten um den kürzesten Weg; ich versuchte, ein paar Gesichter zu sehen,
Menschen auf der Straße, auf Fahrrädern, in einer vorbeifahrenden Straßenbahn; sie sahen
anders aus, fremd.
Ich blieb am Fenster sitzen, bis es ganz dunkel war, die Glut meiner zuvielten Zigarette
leuchtete in der Dunkelheit, ich hielt sie in der hohlen Hand, wie Soldaten es tun, um im
Dunkeln nicht gesehen zu werden. A. rief nicht an. Ich wartete noch eine Zigarettenlänge
ab und dann noch eine und dann nahm ich mein Handy und wählte seine Nummer. Ja, sagte A.
und ich schrie: weißt du, ich hasse es, wenn man Bonbons zerkaut und die klebrige Masse
wie Pech am Gaumen klebt und man sie mit der Zunge nicht abbekommt und den Finger dazu
nehmen muss und dann ist der Finger klebrig und ein Rest bleibt trotzdem immer am Zahn
hängen und trotz allem zerkaut man den nächsten Bonbon wieder genau so. Das ist ein
Bisschen wie mit dir. Dann legte ich auf, schaltete das Handy aus und ging schlafen
und ich wusste, dass etwas zuende war.
|