j o c h e n_r e i n e c k e


Fear is the only darkness

Sieben Mal fiept der Lautsprecher, dann macht die Tür des ICE ein sattes Flappschmatz, ich spüre es fast ein wenig in den Ohren. Nur noch von ferne dringt die automatische, leicht dull klingende Bahnsteigansage "Vorsicht an Gleis vier. Bitte von der Bahnsteigkante zurücktreten" durch die dicken Fensterscheiben.

Nun sitze ich da. Der Zug rollt an. Immer noch ein magischer Moment für mich. Ein kleiner aber zuweilen bedeutsamer Schnitt im Raum-Zeit-Kontinuum. Handy aus. Ruhe. Kleiner, unnötiger Aufenthalt in Berlin-Spandau, dann: Berlin zieht vorbei, kleine Vororte wie Falkensee ziehen vorbei, zart verrottende Gleisanlagen, baufällige Lokschuppen, Stellwerke, und immer wieder Strommasten, ziemlich genau im Takt der Musik, die ich mir gerade in den Discman gelegt habe.

„We step into a room of opaque air“

Eine Frau mit Sonnenbrille setzt sich zu mir ins Abteil. Sie wuchtet eine Reisetasche ins Gepäcknetz, macht eine Zigarette an und schaut dann aus dem Fenster, dabei beißt sie auf ihre Unterlippe. Sie sieht ein wenig aus wie Nicolette Krebitz. Ich weiß nicht, ob das an ihrem Gesicht liegt oder an ihrer Art auf die Unterlippe zu beißen. Ich frage sie, ob mein Walkman zu laut sei, sie verneint freundlich. Ich biete ihr an sich bei mir zu beschweren, falls ihr die Musik im Verlauf der Fahrt auf die Nerven gehe. Während sie aus dem Fenster sieht, plinse ich in ihre Handtasche. Ein Nokia-Handy, eine Packung Taschentücher, eine Packung Fisherman's Friend ohne Zucker, eine Schachtel NIL. Nichts Auffälliges.

Ich denke nach. Es gibt mehr nachzudenken, als mir lieb ist, und der Zug ist in diesen Monaten so ziemlich der einzige Ort wo ich mich nicht mit jemandem unterhalten muss. Der Hifi-Kopfhörer als sichere Kommunikations- oder besser Sprachbarriere, so lebt es sich angenehm, so kann man Erlebtes sortieren, Getanes bewerten und Zukünftiges überlegen.

Wolfsburg. Autostadt. Synthetikland. Künstliche Wasserläufe, eigenartige Piktogramme, Volkswagen wohin man auch schaut. Bundfaltenhosenmänner, Ingenieure bis zum Horizont, Innenraumgeruchentwickler, Motorsoundtüftler, Strategiemeetingveranstalter, die abends Caipirinha trinken und dabei ganz sicher sind, dass sie es aber nun so richtig brausen lassen. Kann man hier leben? Hier in Wolfsburg? Geht das? Die Frau tastet am Sitzverstellknopf herum, lehnt sich etwas nach hinten und ihre Beine berühren meine. Ihr entfährt ein leises "Verzeihung" und sie sortiert ihre Beine neu. Ich meine auch. Nicht berühren. Neinnein.

ICE-Teams wechseln. Im Bord-Bistro werden Speisen gereicht. Die wichtigsten Anschlusszüge sind auch heute wieder in dem am Sitzplatz ausliegenden Faltblatt verzeichnet, es ist alles, wie es immer ist. Wird das denn auch immer so sein? Ja, ich fürchte tatsächlich dass ja. Einerseits. Andererseits: Es wird alles immer ein wenig sauberer, einfacher, komfortabler, aber dabei auch kostendeckender, effizienter, ungemütlicher, und davor habe ich riesengroße Angst. Ich habe schreckliche Angst vor der Zeit, in der man nicht mehr im fast leeren Nachtzug Berlin-Hamburg mit 30 Mitreisenden sechs Waggons zur Verfügung hat. Ich habe Angst vor der Zeit, in der alles nur noch von Magnetkraft und Wirbelstrombremse kontrolliert lautlos umherwitscht, vollklimatisiert, idiotensicher, kratzfest beschichtet. Ich möchte gerne, dass auch weiterhin der Verfall sichtbar ist, ich möchte weiterhin das Unberechenbare, das Neue, das Andere. Quietschende Bremsen, unsanftes Halten.

Im Bordbistro hole ich mir eine 0,375-Flasche Rotwein. Nachmittags trinken ist unglaublich tröstlich. Kontrastmittel. Separiert die Menschen. Wer sich jetzt mit Grausen von einem abwendet, der ist sowieso zu nichts geeignet, wer ein wenig durstig kuckt, der ist wohl ein Gespräch wert.

Nicolette Krebitz schaut durstig. Der Wein ist besser als erwartet. Er beschenkt mich mit der berauschenden Mischung aus starker Euphorie, leichter Müdigkeit und einem Schuss scheißegal. Während wir in die sozialdemokratische Grüngrauwüste Hannover einfahren, denke ich, dass es genau richtig war, jetzt einen Rotwein zu trinken. Hannover im Nieselregen ist selbst vom Zug aus gesehen schwer zu ertragen.

"Bis wohin fahren Sie?", fragt Nicolette. Ich fahre bis Wuppertal. Nicolette fährt bis Hagen. "Weihnachtsbesuch, was?", schiebt sie nach. Sie hat Recht. "Ich auch", sagt sie und grinst. "Hagen ist noch etwas schlimmer als Wuppertal", meine ich. "Man sieht es schon an den Leuten auf dem Bahnsteig". "Ja, sieht man das?", sagt sie etwas spöttisch. "Ich schon", antworte ich. "Aha".

Und dann, etwas später: "Falls Sie nochmal in den Speisewagen gehen, bringen Sie mir dann bitte auch einen Rotwein mit?"

Ich gehe nochmal ins Bord-Bistro, wie das jetzt heißt. Mein Gang ist schon etwas beschwingter, der Wein plustert meine Blutgefäße etwas auf, verleiht mir die Antizipationskraft, mit der ich jedes Schlingern des Waggons schwungbringend ausnutzen kann, fast möchte ich sagen, dass ich Richtung Speisewagen fliege, aber eben elegant. Das muss betont werden.

Noch zwei Fläschchen. Noch ein leeres Glas dazu. Zurück ins Abteil. Ich gieße uns je ein Glas ein. Nicolette schiebt ihre Beine in meine Richtung, ich weiß nicht recht, was ich davon halten soll. Ich meine, es ist angenehm. Als ihre Schenkel an meine stoßen, sagt sie wieder "Oh Verzeihung".

Wird das jetzt ein Test? Habe ich den Test bestanden, wenn ich "Kein Problem" sage und mein Bein wegziehe? Oder habe ich bestanden, wenn ich gar nichts sage und mein Bein da lasse? Ich weiß es nicht. Wenn sie wenigstens die Sonnenbrille abnähme. Augenkontakt hilft da ja sehr.

Wir trinken. Reden, wie tausende von Leuten im Zug, die irgendwo hinfahren, wo sie gar nicht hinwollen (meist zu den Eltern), die es aber im rechten Moment nicht geschafft haben die Brücken einzureißen, gefangen in Resten von Konventionen und Anstand, feige kleine Dummis. Sich überlegen vorkommend, aber eben Dummis seiend.

Der Wein hilft.

Das Gespräch ebbt ab. Ich bin angenehm betrunken, richtig wohlig, es ist alles gerade genau richtig. Es gilt, diesen Moment so lange wie möglich auszudehnen, bevor die ersten Doofmachatome das Leben wieder doof machen. Nicolette schläft ein. Ihr Mund ist dabei leicht geöffnet, ihre Lippen sind zwei Möwen auf Synchronflug. Kurz vor Hamm bremst der Zug stark ab. Ihre Handtasche fällt um. Ein Schwerbehindertenausweis purzelt raus.

Sie ist blind.

Vor Hagen wecke ich sie. "Sie müssen raus". Ich frage sie, ob ich ihre Tasche tragen soll, ob ich ihr helfen kann. "Aber wieso denn?" meint sie. Tja, wieso eigentlich.

Auf dem Bahnsteig adipöse Menschen in beigen Jacken. In Jacken, die bei Quelle "Freizeitjacke" heißen. Unter den Jacken: Sogenannte "City-Hemden". Schuhe von C&A oder BATA, SINN oder LEFFERS, wie die Geschäfte da eben heißen. Ältliche Menschen, die ihre verlorenen Söhne und Töchter in die Arme schließen, die Söhne oder Töchter grinsen schief dabei. In einigen Tagen werden sie bepackt mit Geschenken, Plätzchen, Nahrungsmitteln, die sie nicht gebrauchen können, wieder im Zug sitzen. Ja, jetzt sind wir im Ruhrgebiet.

Tschüs, Nicolette.

In Wuppertal, das weiß ich jetzt schon, werden meine dicken Eltern am Bahnsteig stehen. Mein Vater wird - wie immer - in seinem acht Jahre alten, und trotzdem nach Neuwagen riechenden onyxgrünen Audi 100 eine angebrochene Rolle MENTOS haben. Irgendwer wird in der Heimatstadt Magendarmgrippe haben, sie werden es mir bald erzählen, denn einer hat es dort eigentlich immer.

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