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Zwei Minuten für die Ewigkeit
Mein jüngerer Bruder wird heiraten, sehr bald sogar. Die Vorbereitungen zum großen Fest sind allerdings noch nicht ganz so weit gediehen, wie man es sich zu diesem Zeitpunkt wünschen würde. Dementsprechend, nun ja ... angespannt ist die Stimmung im Elternhaus und keiner der Anwesenden verhält sich sonderlich gefaßt, auch wenn das später alle leugnen werden. Zu allem Überfluß müssen Sonntag morgens noch ganz dringend ein paar Grüße an das Brautpaar auf Film gebannt werden, die irgend jemand dann mit ähnlichen Grüßen angeheirateter Familienmitglieder zusammenschneiden soll.
Mein Vater, meine Mutter und ich sitzen also kurz nach dem Frühstück in mäßiger Grundverfassung wie die Hühner auf der Stange auf dem Sofa. Vater links, Tochter mittig, Mutter rechts, ein zu diesem Zeitpunkt noch mit der Familie befreundeter Aushilfskameramann gegenüber. Die Hunde wähnt man zu unrecht in der Küche. Der Filmausschnitt soll etwa zwei Minuten lang sein, für die Aufnahmen hat man großzügig dreißig angesetzt. Ein Klacks. Theoretisch.
Die Probleme beginnen bereits damit, daß wir alle gänzlich unterschiedliche Vorstellungen vom Inhalt der zwei Minuten haben. Mein Vater trägt einen Anzug und setzt in Gegenwart einer Kamera sowieso automatisch eine staatsmännische Miene auf. Entsprechend förmlich stellt er sich seinen Text vor. Unser aller Text, um genau zu sein. Meine Mutter hingegen läßt vor elf Uhr prinzipiell ihrer boshaften Natur freien Lauf. Das reinigt, glaubt sie, und beugt Falten vor. Ihr Aussehen bestätigt die Theorie. Ich wiederum habe in meiner Jugend ganz eindeutig zuviel Loriot gesehen und bin beim Anblick der Kamera von zwei Worten besessen: "Ein Klavier." Leider läßt niemand meinen Antrag auf Unzurechnungsfähigkeit wegen Zwangsstörung gelten. Ich werde mehrfach ermahnt, mich gefälligst ein wenig zusammenzureißen.
Erster Versuch. Der Kameramann ist noch hoch motiviert. Vater: "Mein lieber Sohn, liebe Schwiegertochter. Wir freuen uns sehr, daß ihr euch zu diesem bedeutenden Schritt entschlossen habt, ..." Tochter, unter Zwang: "Ein Klavier, ein Klavier." Die Kamera wackelt verdächtig. Mutter, böse kichernd: "Großartig, so kommt ein wenig Stimmung in die Chose." Der Vater schreit "Halt" und "Zurückspulen", was der Kameramann leider nicht beherrscht und eh für eine Verschwendung dieses grandiosen zeitgeschichtlichen Dokuments hält. Vater springt auf und drückt diverse Knöpfe. Mutter geht Champagner holen.
Zweiter Versuch, gleiche Anordnung. Der Kameramann ist auf eine perfide Art gespannt. Vater setzt zum getragenen Monolog an, der durch das unbotmäßige Kichern von Mutter und Tochter unterbrochen wird. Tochter, gepreßt: "Ein Klavier, ein Klavier." Vater: "Verdammt, so wird das hier nie was. Könnt Ihr denn nicht einmal ernst sein?" Mutter und Tochter unisono: "Nein." Vater springt auf und geht nach links ab.
Dritter Versuch, Anordnung dürfte allen bekannt sein. Die Anspannung überträgt sich allmählich auf den Kameramann. Die Kamera läuft. Alle schweigen. Mutter und Tochter blicken erwartungsvoll auf das vermeintliche Familienoberhaupt und unterdrücken angestrengt ein Kichern. Vater ist beleidigt: "Ich sag jetzt gar nichts mehr." Aber selbst er muß schließlich lachen. "Ok, ich sag was. Ein Klavier, ein Klavier." Dann: "Scheiße." Vater springt auf und geht nach links ab, Mutter nach rechts. Tochter bleibt sitzen und inspiziert ihre Fingernägel.
Vierter Versuch. Der Kameramann wünscht sich schon auf eine einsame Insel. Der Rest der Familienmitglieder sowieso. Der Vater warnt ausdrücklich vor dem Gebrauch des Wortes "Klavier" und setzt dann zu dem altbekannten Monolog an. Die Tochter blickt angestrengt in die Kamera und übt sich in meditativen Atemtechniken. Die Mutter bleibt verdächtig ruhig, bis es plötzlich aus ihr herausplatzt: "Kraweel, kraweel." Im darauffolgenden Tumult geht der Vater wieder nach links, die Mutter nach rechts ab.
Fünfter Versuch. Der Kameramann hat die Freundschaft zur Familie längst ad acta gelegt und bleibt nur vor Ort, um Schlimmeres zu verhindern. Der Vater monologisiert, wenngleich schon weit weniger staatsmännisch und sowohl Mutter als auch Tochter schaffen es, ernst in die Kamera zu blicken und ein paar Grußworte im Kopf zu formulieren. Genau diesen Zeitpunkt wählt der Familiendackel, um sich bellend unter dem Sofa bemerkbar zu machen, was der zweite Köter als Signal versteht, um auf das Sofa zu springen und dem gestreßten Vater seine Zunge ins Ohr zu rammen. Der Vater schreit nach einer Waffe und rennt nach rechts raus, die Mutter zur Abwechslung nach links. Der Kameramann weint.
Der unrühmliche Rest kann aus Gründen des Anstands und der Familienehre leider nicht erzählt werden. Das Wort Klavier wurde an diesem Tag allerdings ebenso überstrapaziert wie andere, unflätigere Bemerkungen. Insgesamt dauerte es rund zwei Stunden, um genau 1:52 auf einen Chip zu bannen, der sich am nächsten Tag als defekt entpuppte. Auf eine Wiederholung der Aufnahme wurde rücksichtsvoll verzichtet, nachdem der Kameramann mit der Gewerkschaft und einer Klage wegen seelischer Grausamkeit gedroht hatte. Ach ja, geheiratet wurde natürlich trotzdem, wenn auch grußlos.
online: Lyssas Lounge
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