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Telefon
Mein Telefon ist friedlich. Es klingelt nie. Das Telefon meiner Nachbarin klingelt ständig. Dabei ist sie nie zu Hause. Es ist also vollkommen sinnlos, daß ihr Telefon ständig klingelt und meins nicht. Wie schafft sie das bloß, daß all diese Leute ständig bei ihr anrufen?
Vielleicht liegt es ja daran, daß sie nicht da ist. Vielleicht braucht mein Telefon mehr Freiheit. Mehr Selbständigkeit. Vielleicht klingelt es aus Trotz nicht, weil ich es immer angucke. Ich sollte es mal in Ruhe lassen. Und frische Luft würde mir auch mal ganz gut tun. Ich geh in den Park. Beim Spazierengehen denke ich an die vielen Leute, die meine Nummer haben. Wahrscheinlich sind sie jetzt gerade dabei, mich anzurufen.
Tja, da seid ihr jetzt enttäuscht, nicht wahr? Nur der Spruch vom Anrufbeantworter und dann - gnadenlose Stille. Da hört ihr mal, wie es mir geht in meiner stillen Wohnung.
Geschieht euch recht, denke ich und höre den Vögeln zu, die in den Bäumen zwitschern.
Zwei Leute gehen an mir vorbei und reden darüber, ob sie den Telefonanbieter wechseln sollten. Ich freue mich schon auf die Sprüche meiner Freunde, die sie jetzt auf meinen Anrufbeantworter stammeln, um schnell die unerträgliche Stille auf dem leeren Band zu füllen. Ich zögere meine Rückkehr Stunde um Stunde hinaus. Schließlich sollen auch die Gelegenheit haben, mich anzurufen, die bis spät abends arbeiten. Wenn man sich was wünscht, kann man schließlich nicht erwarten, daß es auf der Stelle erfüllt wird. Man muß Geduld haben. Man muß die Möglichkeiten der anderen einberechnen. Man muß auf realistische Weise wünschen. Ich bleibe bis Mitternacht im Park.
Eben bin ich zurück gekehrt. Mein Anrufbeantworter hat eine einzige Nachricht gespeichert. Aber es ist keine Nachricht. Es ist nur ein Piep. Welcher gottverdammte Idiot hat diesen Piep hinterlassen? Ich sollte einen nach dem anderen anrufen und sagen, hast du meinen Anrufbeantworter piepen lassen? Und wenn ich dann den richtigen erwischt habe, dann würde ich ihm gehörig die Leviten lesen.
"Es ist eine Unverschämtheit, mein lieber Freund, mich anzurufen, ohne eine Nachricht zu hinterlassen. Ist es schon so weit gekommen, daß wir uns nichts mehr zu sagen haben? Dann können wir unsere Freundschaft ja gleich beenden. Tschüß. Ciao. Machs gut", würde ich sagen und den Hörer auf die Gabel knallen.
Aber natürlich ist es idiotisch, mitten in der Nacht meine ganze Telefonliste abzutelefonieren, um nach diesem Pieper zu fahnden. Ich habe schließlich was Besseres zu tun, als Leuten hinterher zu telefonieren, die den Mund nicht aufkriegen. Da könnte ich genauso gut einen nach dem anderen anrufen und in die Leitung schreien: "Was bildest du dir eigentlich ein, mich die ganze Zeit nicht anzurufen." Das wäre genauso sinnvoll. Vielleicht sogar noch viel sinnvoller. Dann wäre ich sie endlich alle los. Diese ganzen Deppen, die mich nicht anrufen.
Aber jetzt weiß ich's. Jetzt hab ich noch eine viel bessere Idee. Ich zieh einfach die Telefonschnur raus. So. Komisch. So ein kleiner Nippel soll mich mit dem Rest der Welt verbinden? Das kann ja nichts werden.
Jetzt ist mein Telefon wirklich friedlich. Vorher war es eigentlich nur scheinfriedlich. Aber jetzt, jetzt ist es richtig friedlich. Es ist der Inbegriff der Harmonie, wie sich der Hörer auf den Kasten schmiegt. Ich genieße den Gedanken, daß es auf keinen Fall klingeln wird. Ist doch schön. So ruhig.
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