k e r s t i n_d ö r i n g


Hüfte vor

Auf der Straße hielt ich Unbekannte an; in Cafés setzte ich mich neben Fremde und fragte: was ist das schönste Land, in dem du gewesen bist. Griechenland, sagte ein Mann, während er seinen Kaffee mit viel Zucker trank. Er hatte eine türkische Zeitung dabei und große sanfte dunkle Augen. Bei meinen Experimenten stellte ich fest, dass Antworten gegeben wurden. Ich stellte fest, dass es warm wurde. Mein Freund war irritiert und sorgte sich um mein Wohlergehen, etwas, das ihm weniger gut zu Gesicht stand, als ich geglaubt hatte.
Der Sommer ging in diesen Tagen dazu über heiß zu werden, und ich lief auf die Straße. Ich schlief nachts weniger; die Träume waren leichter. Morgens hatte ich Mühe damit, aus dem Schlaf herauszufinden.
Die anderen, die ich liebte, wollte ich erfreuen und mit ihnen nach Tibet oder in die innere Mongolei fahren. Mein Freund hatte mir vor kurzem den Vorschlag gemacht, für eine Zeit wegzugehen, die Wohnung aufzulösen, die Eisenbahn zu nehmen und Reiseberichte zu schreiben über die Ränder, die wir erkunden würden. Meinen Freund zog es zu den Rändern; darin ähnelten wir uns.
Ich mochte Auflösungen jeglicher Art, Hochbahnen, Heißluftballons und Loopingbahnen und Sklifte und Karaokebars, vor allem Dinge, aus denen man herausfallen konnte, wenn man sich nicht ordentlich festhielt.
Wir setzten uns an einen kleinen Tisch mit Goldverzierungen, die jemand offenbar mit ruhiger Hand auf die Tischkante gezeichnet hatte, und bestellten ein kleines Frühstück, als eine uns unbekannte Frau vom Nebentisch uns darauf hinwies, dass der Laden auf der gegenüberliegenden Straßenseite sich auflöste. Wir fanden dort eine Plastikwanne voller Gipsengel. Ihre Münder waren rot und klein. Ich packte meine Tasche voll, so dass ich in den kommenden Tagen Engel verschenkte, wann immer ich jemanden auf der Straße oder im Café anhielt und etwas fragte, das ich wissen wollte.
Der Tag wurde froh, als der Chef des Cafés bemerkte, dass das Buch der uns unbekannten Frau lila war. Er setzte sich zu uns auf die Bank. Draußen hatte es inzwischen begonnen zu stürmen und zu regnen, so dass wir hatten umziehen müssen. Nebeneinander gequetscht saßen wir jetzt auf einem Bänkchen; ich schaute die Bilder an der Decke an, vor uns standen die Engel auf dem Tisch, und der Mann las vor: Liebe ist das höchste Gut. Mein Freund wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte, denn er hatte Schwierigkeiten mit ausgesprochener Liebe und anderen ähnlich offensichtlichen Angelegenheiten.
Ich wusste, dass man nicht den ganzen Tag lang weinen konnte, egal weshalb, bis der Chef des Cafés eine Tüte holte und auspackte, die jemand vor wenigen Wochen vergessen hatte. Ein roter Rock befand sich im Inneren der Plastiktüte. Die uns unbekannte Frau hielt ihn mir hin und sagte: der passt zu dir, zieh mal an. Vorführen, aber mit Hüfte vor.
Ich nahm den Rock, zog ihn an, machte die Hüfte vor, kletterte auf einen Stuhl, um in einem Spiegel einen Blick zu erhaschen auf das, was die anderen ohnehin sahen. Ich mochte Röcke in allen Formen und die Frau sagte: für dich.
Abends entkleidete ich mich, während wir kochten und Spiele spielten und darüber sprachen, wie der beste Plan aussehen könnte, um in die innere Mongolei zu kommen; ich hatte verschiedene Ideen, die wenig Anklang fanden. Ich trug meinen Rock jetzt Tag und Nacht, obwohl er einen großen Kaffeefleck aufwies; er war offensichtlich second hand gekauft worden. Ich störte mich daran nicht und lief schneller, wenn andere mir auf der Straße begegneten, die nicht angesprochen werden wollten. Täglich überlegte ich mir neue Fragen und wurde froh davon; es war leichter, als ich für möglich gehalten hatte, froh zu sein. Der erste, den ich gefragt hatte, war inzwischen ein Freund. Zwei Mal wöchentlich trafen wir uns in dem Café, wo ich ihn zu seinem Lieblingsland befragt hatte und wo er mir erzählt hatte, dass er ein Haus an der türkischen Riviera besitze, wo es wenig Lärm und einen Blick auf das Meer gebe. Kommst du mit, fragte er mich, und ich sagte: gerne.

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