k o n s t a n z e_e r h a r d t


Charlotte hält das Glück nicht aus

Charlotte sitzt auf dem Balkon, zweimal zwei Meter rot gekachelt, und starrt in die Geranien. Die Beine, übereinander geschlagen, liegen auf dem gelackten Geländer. Die Nachbarn können, wenn sie leicht gestreckt und schräg nach oben schauen, unter ihren Rock linsen. Das stört Charlotte nicht im geringsten, denn heute ist das Glück da und sie bewegt sich nicht, sonst geht es wieder, wie sie weiß.
Charlotte raucht und ihr ist mulmig im Magen. Sie hat vergessen zu essen. Vor Glück, denkt sie. Das Glück macht mich noch ganz kaputt. Wenn das so weiter geht, werde ich verhungern und die Nachbarn sehen dabei zu. Dann können sie direkt und ganz aus der Nähe miterleben, wie Verhungern ist, unter dem Rock, wie die Schenkel schlapp machen und wie weiches, altes Gummi von den Knochen hängen.
Ob das dann noch Glück ist?, überlegt Charlotte. Vielleicht ist es nur ein Rest davon, oder die andere Seite der Medaille.
Wenn das Glück da ist, weiß Charlotte nämlich, dann muss man es festhalten, denn so oft kommt es nicht. Aber wenn man es festhält, weiß sie auch, dann geht es sozusagen automatisch durch die Finger durch und verflüchtigt sich wie Ammoniak. Deshalb sitzt Charlotte ja da und raucht nur und bewegt sich nicht, um das Paradoxe an der Sache auszutricksen.
Wenn ich die Beine jetzt doch einen Millimeter bewege, denkt sie nach einer Weile, weil sie es nicht mehr aushält, vielleicht andersherum übereinander schlage... das wäre so gut wie fast nicht bewegt. Die Nachbarn könnten auch noch durchaus unter meinen Rock sehen und alles bliebe beim Alten...
Noch fünf Minuten, beschließt Charlotte und drückt die Zigarette mit einer Minimalbewegung am Geländer aus und lässt sie dann beiläufig, wie fast aus Versehen, runter in den Garten fallen.
Da klingelt es an der Türe und Charlotte kommt jetzt ernsthaft in die Bredouille. Aufstehen, aufmachen, schauen wer es ist, das geht alles nicht, das ist zuviel Veränderung und wenn sie sich wieder hinsetzt, dann ist das Glück weg, dass weiß sie ganz bestimmt.
Aber wenn sie nicht aufsteht, dann wird sie nie erfahren, wer es ist. Dann wird sie da sitzen und nachdenken und raten und darüber das Glück vergessen und da käme am Schluss wohl das gleiche heraus.
Durch die Sprechanlage kurz fragen, reicht ja auch schon, denkt sie dann. Sie kann ja sagen, dass sie selbst nicht zuhaus`, dass hier jemand anderes antwortet und sonst gerade auch niemand zum Sprechen da ist. Das Glück wäre überlistet.
Als es erneut klingelt, steht Charlotte auf. Sie streicht den Rock glatt und winkt den Nachbarn. Dann geht sie zur Sprechanlage und fragt: "wer da?". "Ich bin` s", sagt wer, den sie nicht kennt. "Das kann jeder sagen", spricht Charlotte unwirsch in den Apparat, "und es würde auch in jedem Falle stimmen, nur, wohin soll das führen?" "Mach auf", raschelt die unbekannte Stimme in den Hörer, "oder lass es sein, wie du willst". "Ja wenn das so ist", sagt Charlotte perplex und fast bestürzt und drückt auf den Öffnerknopf. Schnell schaut sie noch in den Spiegel im Flur und als die Tür aufgeht, muss sie plötzlich erleichtert lachen...

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