l e n a_h a c h


Heißgetränk

Sie lässt Honig in die Tasse gleiten. Er löst sich nur schwer vom Löffel, den sie langsam hin und her dreht. Wie Kaugummi, sage ich. Ich kenne niemanden, der so eisig mit seinen Schultern zucken kann, wie sie das jetzt tut. Ich würde ihr gern den Löffel aus der Hand nehmen und ihn ablecken. Dann wäre kein Honig mehr dran, dann müsste sie nicht mehr die ganze Zeit auf den Löffel gucken.
Es riecht nach verbrannter Milch in der Küche. Sie hält mir fragend eine leere Tasse hin. Heute würde der Honig mir den Bauch verkleben, wie verschluckter Kaugummi. Und ohne Honig kann ich keine Milch trinken, das haben wir nie gemacht. Also schüttle ich den Kopf. Davon habe ich genug. Nicht genug habe ich von ihr. Deshalb bin ich da. Nein, ich bin da, weil sie genug hat.
Jetzt rührt sie einen zweiten Löffel Honig in die heiße Milch. Dann schließt sie den Schraubverschluss. Er sitzt schief auf dem Glas, weil der Rand ganz verklebt ist. Früher hätte ich einen Schwamm mit heißem Wasser genommen und darüber gewischt. Aber in dem Fall ist nichts mehr zu retten. Sie beugt sich über mich, als sie das Glas Honig im Regal hinter mir abstellt. Warum fragt sie mich nicht, ich kann das doch machen. Mit ausgestrecktem Arm kommt sie mir näher und ich sehe, dass das Loch in dem T-Shirt mit den aufgedruckten Palmen größer geworden ist. Es ist genau unter der Achsel. Das T-Shirt haben wir zusammen gekauft. Schlechte Qualität, aber darum ging es nicht. Wir waren im Sommerurlaub, Toskana oder Frankreich. Was weiß denn ich jetzt noch.
Ihr Geruch ist für einen Moment ganz nah. Ich atme tief ein, mir ist egal, ob sie das merkt. Dann steigt mir der süße Honig in die Nase, sticht wie sonst nur Essig. Und ich gehe ins Bad weil ich befürchte zu kotzen. Aber ich kann nicht. Ich blicke in die Kloschüssel und überlege, mir den Finger in den Hals zu stecken. Aber dafür ist auch später noch Zeit. Ich will wieder in die Küche, zu ihr.
Sie sitzt noch so da wie vorhin, wie sie immer da sitzt, Schneidersitz. Der rechte Fuß auf der linken Wade. Sie pustet in ihre Tasse und macht kleine Wellen auf dem Milchsee. Es sieht friedlich aus. Eine ihrer Haarsträhnen ertrinkt beinahe in der Milch. Sie streicht sie zurück hinter das Ohr. Ich bin erleichtert, dass sie sich um die Strähne gekümmert hat, bevor meine Hand danach zucken konnte. Dann rückt sie ihr T-Shirt zurecht. Ich wusste gar nicht, dass man ein T-Shirt zurecht rücken kann, woher wusste sie überhaupt, dass die Palmen nicht richtig mittig auf ihrem Bauch waren? Sie schaut über mich hinweg, blickt in den Innenhof.
An den Spitzen der wenigen Bäume, die es bis in den vierten Stock geschafft haben, hängen nur noch wenige Blätter. Was für ein Klischee. Warum muss es ausgerechnet Herbst sein. Im Juli wäre das hier sicher einfacher. Meinetwegen auch im März. Warum muss es in dieser Hälfte des Jahres sein, frage ich sie leise. Sie zuckt mit den Schultern, massiert ihren Nacken, der mal - wenigstens ein bißchen - auch meiner war. Eine Leihgabe.
Als ich meine Jacke vom Kleiderhaken zerre, fallen noch ein paar andere Sachen zu Boden. Ich bücke mich, hänge alles ordentlich zurück und frage mich nicht mal warum. In der Küche räumt sie Gerschirr in die Spüle. Ich dachte schon, sie bewegt sich nie mehr. Dann drücke ich den Türgriff. Er klemmt wie immer und wie erhofft. So kann ich noch ein wenig länger ihren Eingangsgeruch riechen. Als ich doch noch in den Hausflur trete, kommt mir ihre Mitbewohnerin entgegen, die Hände voller Tüten. Sie grinst mich unsicher an und will mich wohl trösten: Wenn sich eine Tür schließt, geht eine andere auf. Ich starre sie an.
Es geht mir doch um diese Tür. Die Tür, die klemmt und von Innen in einem viel zu schrillen Orange gestrichen ist. Nur von Außen sieht die Tür aus wie die des Nachbarn.
Die Buchstaben auf seiner durchgetretenen Fußmatte verabschieden mich.

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