l o u_a_p r o b s t h a y n


1. HUND UND KATZE AUF VALIUM - UND VERSACE, DER OFFENBARUNGSEID
Auszug aus dem Roman: "Der Benutzer"
yedermann Verlag 2006


Es ist der Tag, an dem Dinge von Timo Beil wieder in sein Leben eingestellt werden. Und er öffnet den Schrank, in dem diese Dinge noch eingesperrt sind. Seine Ablenkungsmaschinen: Das Fernsehgerät. Das Radio. Das Telefon. Und andere elektrische und digitale Versuchungen. Sie sitzen alle noch in ihren Originalverpackungen fest. Timo Beil hebt immer die Originalverpackungen nach dem Einkauf von Dingen auf. Denn bei einer Verwahrung lässt es sich in ihnen für die höchste Sicherheitsstufe sorgen. Das liegt an den besonderen Vorkehrungen in ihrem Innern, den Zellen aus Styropor. Und so sitzt er noch eine Zeit zwischen seinen verpackten Versuchungen. Dann belebt Timo Beil die Geräte wieder mit Strom. Und es ist auch Zeit für Timo Beil, sich wieder anzuschließen.

Denn wieder einmal hat Timo Beil es getan, eine Woche im Abseits von der Welt zu leben. Er hat sich einfach abgeschlossen, ein Einschluss auf Zeit. Das ist ihm ein Fest, die absorbierte Welt in ihm zu entgiften. Und sich von den Menschen zu entschlacken. Toxine aus Gesprächen in seinem Kopf auszuwaschen. Er muss immer wieder den Timo Beil regenerieren. Erst nach diesem Aufenthalt in Timo Beil steigt auch wieder der Hunger auf das Außen. Dann ist wieder ‚Nichts ist unmöglich'.

Timo Beil hat seine Fluchten nie befragt. Einmal hat er dem Gemüsehändler gesagt, es ist ihm alles zuviel Mensch in dieser Welt. Niemand hat ihn nach dieser Aussage befragt, nach diesem Ausschluss von Welt. Auch nicht sein Gemüsehändler. Aber an diesem Morgen macht Timo Beil die Tür auf. Er macht sonst nie die Tür auf, die zum Treppenhaus, geschweige denn eine innere Tür zu sich. Vor allen Dingen nicht, wenn Nachbarn auf sein Türholz klopfen. Eigentlich hat und hält er es nicht mit den Nachbarn - und auch dem Machen. Macher waren andere Leute. Machbarn eben. Aber an diesem Morgen atmet unter seinen Händen die Tür auf. Natürlich tritt Luft in die innere Kammer von Timo Beil ein. Er meint damit seine Wohnung. Acht Quadratmeter Nahrungsraum. Acht Quadratmeter Körperraum. Zwölf Quadratmeter Traumraum. Achtzehn Quadratmeter Netzraum. Und Einskommafünf Quadratmeter Frei- und Luftraum, außen über dem Hinterhof. Und kein Sozialbau, sondern 1906er Altbau. Und es tritt diese Frau Schlicht im Türrahmen auf. Diese Nachbarin benennt ihr Kommen nicht. Sie bekennt sich auch nicht für ihren Auftritt in seiner Welt. Sie weist sich mit Tränen auf ihrem Gesicht aus. Aber das macht sie für Timo Beil nur zu einem Bild über einer fremden Couch. Ein Gesicht, aus den Szenen einer Ehe geschnitten. Es kopiert sich Tag für Tag in vielen Wohnzimmern. Timo Beil kellert seine Frage an die Tränen ein. Sie haben nichts mit seinem Interesse zu tun. Er wünscht sich Frau Schlicht zurück in die angemieteten Stauräume ihrer aufgelaufenen Gefühle. Frau Schlicht sammelt sie seit zwanzig Jahren über ihm in der fünften Etage. Und soviel Frau Schlicht nach dem Fasten, das ist Timo Beil zuviel an Nahrungsaufnahme. Denn wieder in die Menschen einzusteigen, das braucht bei Timo Beil bedachte Aufbautage. Erst dann darf es wieder zu einem Handel mit Worten und Gesten kommen.

Und es ist das zweite Bild, das die Blicke von Timo Beil einstecken. In dem linken Hosenbein von Frau Schlicht hat sich ihr Hund festgebissen. Seine Hinterläufe zittern flach ausgelegt auf dem Boden. Hinter ihm liegen eine Menge Stufen. Der Hund hat sich so auf dem Abwärts abschleppen lassen. Und in den Armen von Frau Schlicht erschöpft sich ihre Katze. Die Tiere gleichen sich in Details. Sie sehen wie Hunger und Durst aus. Sie sehen wie Hunde- und Katzenfelle vor einem Kamin aus. Sie sind der Grund der Tränen. Beide Tiere versuchen sich über die Distanz in einem Knurren. Aber sie treffen die Töne nicht.

"Sie sind mein Nachbar, Sie müssen mir helfen."
‚Nachbarschaftshilfe, ist das ein verankertes Recht im Grundgesetz?', will Timo Beil fragen.
"Ich habe sogar mit ihnen geflüstert, aber sie verstehen sich noch immer nicht."
Frau Schlicht spricht von Zuckerbroten und Peitschen. Vom Hören und Fühlen. Und dann nimmt Frau Schlicht die Schwelle zu Timo Beil. Der Hund arbeitet sofort an seiner nächsten Bewegung. Aber seine Hinterläufe laufen in zwei verschiedene Richtungen. Dabei schlägt sein Kopf gegen die Haustür. Eine anschließende Schlagseite lehnt ihn gegen die Wand. Dann rutscht der Hund irgendwie zufrieden zu einem Lappen am Boden auseinander. Unter ihm tritt Urin in den Flur aus.
"Sie sollen sich doch nur verstehen!"
Frau Schlicht nimmt die erschöpfte Katze aus den Armen und deckt den Hund damit zu. Timo Beil versteht diesen ganzen Friedhof der Kuscheltiere nicht.
"Sehen Sie, Herr Beil, es geht doch!"
Er versteht auch nichts von diesem Sehen und Gehen. "Was ist mit Ihren Tieren los?"
"Jetzt. Jetzt ist nichts. Jetzt ist endlich Frieden!" Sie deutet auf den Haufen Tiere. Sie sagt: "Jetzt geben sie endlich Ruhe. Irgendwann werden sie schon Freunde sein. Irgendwann wird das Bellen und Beißen ein Ende haben."
"Aber was haben Sie mit den Tieren gemacht!" Timo Beil bestarrt diesen Comic der Tiere.
"Für sie, für ihre Freundschaft habe ich etwas gemacht, ich habe ihnen einfach Valium gegeben."


Links: Lou A. Probsthayn | Yedermann Verlag

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