m a r e i k e_k r ü g e l


Irgendwo ein Erdbeben
(Auszug)

Ich sah nicht schlechter aus als Melanie, und ich war nicht weniger entschlossen. Trotzdem bekam sie einen großen Blonden ab, mit dem sie sich auf der ansonsten leeren Tanzfläche in winzigen Schritten in winzigen Kreisen drehte, und für mich blieb sein kleiner dackelbrauner Freund, dessen Gesichtsausdruck verriet, daß er seinerseits auch lieber Melanie abbekommen hätte. Wir hatten also beide nicht das, was wir wollten, immerhin war das so etwas wie eine Gemeinsamkeit. Nur kein Gesprächsthema. Am liebsten wäre ich nach Hause gegangen und hätte mich mit meinem Sahara-Bildband ins Bett gelegt.
Wir lehnten nebeneinander, mit dem Rücken an der Theke, und starrten geradeaus.
"Willst du auch tanzen?" fragte der dackelige Freund, dessen Namen ich vorhin nicht so recht verstanden hatte. Ich hörte seine Stimme zum ersten Mal, er hatte den ganzen Abend noch kein Wort an mich gerichtet.
"Um Gottes Willen, nein!" sagte ich und faßte mir ärgerlicherweise ans Ohrläppchen.
"Wollen wir gehen?"
Wenn es wenigstens Samstag abend gewesen wäre, dann hätte es noch eine gewisse Auswahl gegeben. Ich zuckte mit den Schultern, kramte aber gleichzeitig schon mein Portemonnaie aus der Handtasche, um meine Spezi zu bezahlen. Mich einladen zu lassen, wäre mir vorgekommen wie eine Vorauszahlung.
Ich besaß eine riesige Handtasche, wie es gerade in Mode war, eher eine Einkaufstasche, mit langen Trageschlaufen und nur einem einzigen Fach. Ganz unten auf ihrem Grund lag etwa ein Dutzend Kondome. Das schien mir sicherer zu sein, man kannte ja diese Geschichten: zerrissene, zerlöcherte oder sogar vertrocknete Gummis. Wir hatten die ganze Packung aufgeteilt, Melanie und ich.
"Wie heißt du noch mal?" fragte ich, als wir auf der Straße standen, und er sah mich so verletzt an, daß ich mir schon wieder ans Ohrläppchen faßte. Aber schließlich konnte ich nichts dafür, daß sein Freund vorhin so genuschelt hatte, und außerdem sollte er froh sein, daß ich überhaupt fragte. Vorher, meine ich.
"Rüdiger."
Hätte ich nur nicht gefragt.
Wir gingen nebeneinander her, denn er war nicht mit dem Auto unterwegs, Gott sei Dank. Ich wollte keine Opelrückbank mit Hundedecke, sondern eine anständige Wohnung mit einem anständigen Bett und, wenn es ging, auch noch einem anständigen Blutfleck auf dem Laken. Mir reichte das als Abenteuer.
Wir schwiegen. Meine Frage und seine Antwort hatten uns beiden das Interesse an weiterem Informationsaustausch ausgetrieben. Ich wollte nichts, gar nichts über sein Leben wissen, jetzt nicht mehr. Ich war zufrieden, mit einem Dackel namens Rüdiger ins Bett gehen zu müssen; noch mehr Realität konnte ich nicht vertragen.

Als wir vor seiner Wohnungstür angekommen waren, sagte Rüdiger: "Na, dann wollen wir mal" und drehte den Schlüssel. Ich hatte inzwischen zu überhaupt nichts mehr Lust. Was erwartete er denn? Daß ich vor Freunde in die Luft ging, weil er sich dazu herabließ, seine wahrscheinlich unbezahlbaren Erfahrungen mit mir zu teilen? Ich pfefferte meine Jacke und meine Stiefel in die Ecke des Wohnungsflurs und schritt zügig auf die Tür mit dem Milchglasfenster zu, die ich für die Klotür hielt.
Im Spiegel sah ich mein Gesicht an und rieb ein bißchen unter meinem rechten Auge herum, aber eigentlich sah ich ganz in Ordnung aus, nicht einmal meine Stirn glänzte.
Neben mir stand der Klodeckel offen, und es roch nach Klo. Insgeheim gab ich dem Dackel einen Pluspunkt, daß er keinen frühlingsduftenden Klostein verwendete, von deren Geruch mir immer übel wurde, so daß ich mich nur mit zugehaltener Nase hinsetzen mochte. Einen Minuspunkt gab ich ihm für den offenen Deckel. So weit stand es eins zu eins. Unentschieden war kein schlechtes Ergebnis für ein Badezimmer.
Ich tastete noch einmal in meiner Handtasche herum, um mich zu versichern, daß die Kondome noch alle da waren, wo sie hingehörten, und holte tief Luft. Dabei sog ich eine ganze Menge Klogeruch ein. In einer halben Stunde konnte alles vorbei sein. Ich fragte mich, wie weit Melanie inzwischen mit ihrem Blonden gekommen war. Vielleicht standen sie noch immer auf der Tanzfläche und drehten sich mit winzigen Schritten in winzigen Kreisen, um nicht umzufallen.
Dann öffnete ich die Tür und stellte mich der Situation.
Auf dem Flur war niemand mehr, aber meine Jacke hing an einem Garderobenhaken. Ich ärgerte mich, als hätte der Dackel mir einen Vorwurf gemacht, den ich nicht verdiente. Um mich zu rächen, rief ich seinen Namen, so laut, daß man es in der ganzen Wohnung hören mußte. Hoffentlich hörten es die Nachbarn auch.
"Hier!" Das kam aus einem der Zimmer, und zwar aus dem, dessen Tür offenstand. Trotzdem öffnete ich alle anderen Türen zuerst und schaute in dunkle, spärlich möblierte Räume, in eine winzige Küche mit einem Fenster unter der Decke wie in einer Gefängniszelle. Dann ging ich in das Schlafzimmer, in dem er auf dem Boden hockte, um sein CD-Regal begutachten zu können.
"Musik sollten wir wenigstens haben dabei", sagte er, ohne aufzusehen. Er ließ sich Zeit, um sich für eine CD zu entscheiden, ich stand währenddessen vor dem Bett. Die Bettwäsche war weiß mit lauter schwarzen Strichmännchen, die durcheinandertanzten.
Als die Musik anfing, drehte ich mich entschlossen zu ihm um und sagte: "Na, dann wollen wir mal."

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