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Das Fundstück
Oft werde ich gefragt, ob ich nicht einmal eine schöne Geschichte erzählen könne. Und
immer denke ich, natürlich könnte ich das, aber meist sind gerade die positiven
Geschichten äußerst langweilig. Das Leben in seiner großen Vielfalt allerdings, hat mich
nun ganz persönlich etwas erleben lassen, das von einer besonders erhabenen Schönheit ist
und gleichzeitig doch möglicherweise von allgemeinem Interesse.
Auch der Gedanke, dass der Schriftsteller alles selbst erlebt hat, ist nämlich keineswegs
naiv, es ist vielmehr tatsächlich so: Ich habe alles genau so erlebt.
Es folgt also nun eine ebenso schöne, wie selbsterlebte Geschichte:
Bei einem Spaziergang durch eine Kleingartenkolonie, den ich vor etwa einem Jahr
unternommen habe, fand ich ein kleines Paket, ein rotes Bündel, äußerlich aus Leinen, das
sich etwas feucht anfühlte. Es lag am Rande des Weges in der Nähe einer Trauerweide.
Behutsam hob ich es auf.
Von Anfang an hatte ich das Gefühl, etwas Besonderes, ja vielleicht auch etwas Lebendiges
gefunden zu haben. Ich dachte in diesem Moment noch an einen kleinen Hund oder an einen
Igel. Vorsichtig entfernte ich Schicht um Schicht von dem Etwas, das ich in der Hand hielt;
und bald hatte ich die Vorahnung, dass es sich bei der roten Flüssigkeit, mit der einige
der vormals weißen Tücher getränkt waren, vielleicht um Blut handelte. Ich hoffte also,
etwas pulsierendes im Inneren des etwa drei oder vier Kilo schweren Paketes zu finden und
hatte doch auch Sorge, dass dieses, wie auch immer geartete Wesen verletzt sein könnte.
Meine Hoffnung wurde ganz und gar nicht enttäuscht. Ich fand im Inneren ein blau-rotes
Embryo vor, mit wunderbar klar hervortretenden kleinen Äderchen. Am Kopf allerdings sah
ich nur ein überdimensional großes Auge, das sowohl im Ausdruck als auch in der Form,
eher an einen Fisch denken ließ. Dennoch gab es zu diesem Zeitpunkt schon keinen Zweifel
mehr, dass es sich um ein, zumindest hauptsächlich, menschliches Embryo handelte.
Mein Herz schlug schneller und stärker. Ein Teil von mir ahnte schon, dass ich dieses
Wesen nicht mehr fortgeben würde, auch wenn ich wusste, dass ich dazu unter Umständen
gezwungen werden konnte. Ich wickelte das kleine Wesen wieder in die etwas unappetitlichen
Tücher und beschloss, schnell nach Hause zu gehen, hatte ich doch irgendwo gelesen, dass
ein Embryo ohne ausreichende Versorgung nicht lange überleben würde. Zu Hause angekommen,
wurde ich mir zunehmend der Nachteile und der Verantwortung bewusst, die ich auf mich
geladen hatte. So ein Embryo würde eine Menge essen und die fetten Jahre waren ja
endgültig vorbei. Ich hatte mir also einen weiteren Esser ins Haus geholt. Nun, ich fand
Geiz niemals geil und freute mich doch auch über die Herausforderung, jetzt noch einen
Organismus neben meinem eigenen durchbringen zu müssen. Außerdem hatte ich zu dem Wesen
von Anfang an einen merkwürdigen Zugang. Mir war, als wusste ich schon jetzt, wie unsere
gemeinsame Zukunft aussehen würde. Da ich aber von Anfang an auch wirtschaftlich denken
musste, beschloss ich auf die übliche Ernährung aus Gläschen mit Brei sowie
Flaschennahrung zu verzichten. Diese war, soweit ich wusste, sowieso eher für Säuglinge,
aber keineswegs für Embryos vorgesehen. Stattdessen ging ich in einen nahe gelegenen
Supermarkt und kaufte einige Dosen Ravioli in Tomatensauce, die dem Wesen, das ich
aufgenommen hatte, zumindest von ihrer Farbigkeit her bekannt vorkommen mussten. Außerdem
erstand ich in einer Fachhandlung ein mittelgroßes Aquarium, da ich die vage Idee hatte,
dass ich so etwas wie einen Brutkasten benötigte.
Beides stellte ich in der Küche neben dem Gasherd auf. Ich füllte das Aquarium zu etwa
zwei Dritteln mit den Raviolis. Ich musste, sagte mir meine Intuition, noch genug Platz
lassen, damit das Wesen zum Atmen auftauchen konnte. Ich war sehr glücklich darüber, dass
das Embryo, dem ich noch am selben Tag den Namen "Charly" gab, sich in diesem Behälter
sichtlich wohl fühlte. Es planschte in den Raviolis, spuckte manchmal aus Übermut ein oder
zwei davon in meine Küche, und ich konnte ihm dabei zusehen, während ich mir selbst eine
bescheidene Mahlzeit zubereitete. In unserer ersten glücklichen Zeit machte ich nur einen
Fehler. Ich erzählte einem Freund von meinem neuen Mitbewohner. Er glaubte mir kein Wort
und sprach davon, dass er dafür sorgen würde, dass ein Psychopath, wie ich, schon recht
bald dahin komme, wo er hingehöre, in die Klapse nämlich. Er meinte es gut, wie alle meine
Freunde, aber manchmal können gerade gute Freunde gefährlich werden. Ich lachte und sagte,
es sei ja nur ein Scherz gewesen… Sein Gesicht hellte sich augenblicklich auf, aber er
murmelte, dass dies trotzdem ein schlechter und geschmackloser Witz gewesen sei. Sein
Geschmack interessierte mich nicht mehr länger. Mir war viel wichtiger, welches Leben mir
und Charly bevorstand. Schon früh wusste ich, dass Charly keine ganz normale Entwicklung
durchmachen würde.
Tatsächlich tat sich einige Wochen gar nichts, er lag nur träge in seinem Becken, um mir
dann eines Tages zu zeigen, dass er schon krabbeln konnte. Er tat dies allerdings in einer
seltsamen, weithin gekrümmten Haltung, nach wie vor halbwegs eingerollt, darin vielleicht
einer Krabbe vergleichbar. Eine Woche später gab es eine weitere Veränderung: Er robbte
zur Toilette, klemmte sich auf sonderbare Weise an den Toilettenrand, und ich begriff,
dass ich die Windeln, die ich nur gekauft hatte, weil ich meinte dies sei der normale Weg,
nicht benötigen würde.
Ich war äußerst gespannt auf die nächsten Entwicklungsschritte. Würden ihm bald Zähne
wachsen, oder würde er mich "Papa" nennen? Doch nach diesem überraschenden Ausflug auf
die Toilette gab es einen längeren Stillstand. Ein zweites Auge wuchs ihm nicht. Dort,
wo es vielleicht hätte entstehen können, befand sich eine graue, nicht sehr hübsch
anzusehende Höhle. Dies allerdings war auch schon alles, was sich unschönes über "Charly"
sagen ließ. Vielleicht lag diese Sicht der Dinge aber an den väterlichen Gefühlen, die
ich für das kleine und freundliche Wesen hegte. Bald erkannte ich, dass Charly nicht wie
andere menschliche Wesen wachsen würde und dass er auch das Sprechen und den aufrechten
Gang nicht mehr erlernen würde. Schrecklich war nur, dass ich mich lange Zeit nicht traute,
meinen Besuchern Charly vorzustellen. Bestimmt würde man uns unser kleines Glück neiden.
Auch Charly selbst kroch in dieser Zeit gerne in den Küchenschrank, während ich mit meinen
Besuchern plauderte. Er kannte bald alle meine Freunde, da er unseren Gesprächen stets
lauschte.
Erst nach weiteren Monaten brachte ich allen meinen Freunden, nach und nach, die Wahrheit
bei. Ich sagte zuerst, ich hätte ein Kind adoptiert, das kerngesund und wohlauf sei. Man
soll die Menschen ja nicht überfordern. Man protestierte, ich sei dazu nicht berechtigt,
denn ich lebe ja schließlich allein und ich sei nicht zuverlässig genug. Erst, als sich
alle an mit diesen Gedanken angefreundet hatten, sagte ich, ich habe jetzt doch den
Eindruck, das Kind sei etwas ungewöhnlich.
Ich gab schließlich vor, dass ich selbst nicht ganz wüsste, ob mit Charly alles in Ordnung
sei. Schon fand sich ein selbsternannter Experte, der das Kind unbedingt sehen wollte.
Sein Urteil war niederschmetternd: Ich solle das Kind sofort in eine Intensivstation geben.
Charly sprang mit einem Satz seiner krummen Hinterbeine in den Küchenschrank, als er dies
hörte. Erst nach weiteren, langen Diskussionen, habe ich es geschafft, einige Freunde und
Bekannte zu überzeugen, dass man keine drastischen Maßnahmen ergreifen müsse und dass
Charly und ich mit unserem, wenn auch etwas extravaganten Leben, sehr zufrieden waren.
Mein Leben hatte mit Charly einen neuen Sinn bekommen, und so begann die glückliche Zeit,
die ich mit ihm erleben durfte.
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