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Auszug aus dem Buch
Sibirski Punk
Gustav Kiepenheuer 2006
Prolog
Rock 'n' Roll oder die Russische Seele
Sing noch einmal für mich, Mischa. Sing dieses Lied, das das Herz aufweicht und die Seele davonfliegen läßt, über die sanften Hügel des Ural, den Ob, den Jenissej, immer weiter und weiter gen Osten: "A kak perwaja lubow, ona sjerdse schsjot - Und die erste Liebe, sie verbrennt das Herz." Sing, daß alles zurückkehrt: Die Tänzerin in der nächtlichen Steppe, die Melancholie und der Rock 'n' Roll.
Wir saßen in der Küche einer Hamburger Wohngemeinschaft zwischen Pastaresten und halbleeren Rotweinflaschen und diskutierten über das, über das wir immer diskutierten in jenem Winter: die Lage auf dem Arbeitsmarkt, die Sozialstaats-Reformen der SPD, Joschka Fischers körperliche Verwandlungen. Als wir wieder einmal an dem Punkt angelangt waren, daß alles verfahren sei und hoffnungslos sowieso, stand Mischa auf, um seine Gitarre zu holen.
Mischa ist Rußlanddeutscher. Mit seinen Eltern und drei Schwestern war er Anfang der neunziger Jahre aus dem kasachischen Alma-Ata nach Hamburg übergesiedelt, dank einer abgewetzten Mappe voller Dokumente, die die "deutsche Abstammung" seines Vaters belegten und die seine Mutter jahrelang unter einem losen Brett im Fußboden versteckt hatte. "Die Papiere waren unserer Ticket in die Zukunft", hatte Mischa erklärt, als wir ihn in einer der Russen-Diskos kennen lernten, die mittlerweile auch in Hamburg in Mode sind. "Alle haben uns beneidet. Damals wollte jeder nach Deutschland."
Am Anfang wunderten wir uns noch, als er zu unseren Kochabenden keine selbstgebrannten CDs mitbrachte, sondern vorschlug, etwas zu singen. Singen -- das klang nach Jahrgangsfeiern in der Waldorfschule und Hausmusikabenden in beflissen-bildungsbürgerlichen Elternhäusern. Unvorstellbar, so etwas freiwillig zu tun.
Wir feixten, als Mischa die Hände auf das Griffbrett seiner Gitarre legte. Doch als die ersten Töne durch den Raum schwebten, wurden wir ganz still. Meist waren es russische Popsongs, die er vortrug, mit einer Inbrunst und Versunkenheit, die uns sprachlos machte. Doch an diesem Tag sang er dieses Lied von Okudshawa, eines berühmten Liedermachers aus Sowjetzeiten: "A kak perwaja lubov", und plötzlich verschwamm die Küche, Hamburg, der ganze Westen vor meinen Augen, und ich tauchte ein in dieses warme Gefühl der ersten Nacht im Osten, das ich so lange vergessen hatte.
Copyright Aufbau Verlag 2006
online: sibirski punk im aufbau-verlag
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