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Ein Tag am Grill
Die Sonne brennt nur noch halb so heiß wie letztes Jahr durch die von George Bush und dem Zweitwagen seiner Frau verschmutzte Atmosphäre, und die Vögel tauschen kreischend in den Wipfeln ihrer Behausungen bösen Klatsch über ihre Vogel-Nachbarn aus. Vögel sind so, da braucht man sich keine Illusionen machen. Vögel haben einen ganz fiesen Charakter. Vögel bedanken sich im Winter nicht für die rausgehängten Meisenringe und im Sommer kacken sie einem auf den Kopf oder im Biergarten ins Hefeweizen, dass es spritzt. Und sie sind im Sommer verdammt laut, wie sie da in den Bäumen rund um den Garten sitzen und Vogelmäßig rumproleten. Daher ist Dirk nur mit Mühe zu verstehen, als er sagt: "Ich hab Fleischappetit!". Begleitet von einem laut knarzenden Hungergrunz seiner Bauchspeicheldrüse klatscht er das allererste marinierte Schweine-Steak des Jahres auf den Grillrost, wo es schmatzend landet und in der Flammenhitze der hellrot glühenden Holzkohle zischend den Wandel in einen höheren Zustand antritt. Im Garten meiner Eltern eröffnen Andreas, Dirk und ich feierlich die Grillsaison. Ein komplettes Wochenende lang ernähren wir uns von Fleisch und Wurst. Fleisch und Wurst werden wir ein komplettes Wochenende lang mit nichts anderem als Bier runterspülen. Wir werden ein komplettes Wochenende lang im Paradies sein.
Dirk ist der Grillmeister. Er hat Erfahrung mit Fleisch, er isst zu Hause nur welches. Wenn Dirk was kann, dann ist das Grillen. Er ist dem Ess-Fleisch verfallen. Seine Geburt fand auf einer Grillfete statt. Während Dirk unten aus seiner Mutter raus kam, fuhr sie sich oben gerade eine Grillwurst ins Gesicht ein. Der dichte weiße Qualm frisch verbrannten tierischen Fettes war das erste, womit sich damals Dirks Säuglingslunge füllte. Dann wurde seine Nabelschnur durchtrennt, abgeschnitten, an beiden Enden verzwirbelt und frisch auf den Grill gelegt. Dirk riecht immer nach Schlachthof. Schweine haben Angst vor ihm. Dirk ist ein bekennender Fleisch- und Wurstwarenfetischist. Seine Freundin Meike nennt er Meica. Und so, wie er jetzt gerade die Grillzange anfasst, tun das nur die ganz Großen. Er ist auf alles vorbereitet. Mit einem tänzerischen Schwung aus der Hüfte wendet er das Steak zum ersten Mal. Nicht zu früh und nicht zu spät. Als die rohe, rote Seite des ehemals lebendigen Sattmachers auf dem Feuerrost erste Brandmale bekommt, die später zu knuspriger Kruste werden, tanzt Dirk um den Grill und spielt für sich selbst zum Tanz auf, indem er den Bratmaxe-Song pfeift. Damit wird er den ganzen Abend nicht mehr aufhören. Nur wenn er Sprüche raus haut wie: "Richtiges Männeressen muss vorher gelebt, geguckt und gekackt haben!" Ab und an nimmt er einen Schluck Hasseröder und pfeift wieder den Bratmaxe-Song. Die ersten Vögel stimmen mit ein. "Ganz schön heiß heute! Ich muss mich eincremen, sonst kann ich morgen meine Haut wieder ausziehen." Aber keiner hat Sonnencreme dabei. Nimmt Dirk halt die Knoblauchsauce. "Ist gut für die Durchblutung, hahaha!" Dann senkt sich sein Blick runter in Richtung des mit Kohle befeuerten Fleischveredlers. "Hmmm… Fleischappetit" kommt's aus Dirk raus. Die Grillzange federt lässig in seiner Linken. Eine Fleisch-Wünschelrute, die gerade eine Fleischader ausfindig gemacht hat.
Dann isses soweit: "So, jetzt ist es so weit! Wer nimmt das erste?" Wie eine Hebamme ein Neugeborenes mit der Zange am Kopf aus der Mutter zieht, so zärtlich entfernt Dirk das erste Steak vom heißen Eisen. Es landet auf meinem Teller, gleich kann ich meinem Fleischappetit Futter geben. HMMMMMMMMM
Meine Zähne reißen große Brocken aus dem zugeschnittenen Muskel. Mit den Mahlwerkzeugen zerhäcksle ich die Fleischfasern, vermische Fett und Fleisch-Gewebe zu einem Eiweißreichen Brei, der auf einer schäumenden Hasseröder-Welle in den Magen surft. Die anderen beiden tun es ebenso. So, wie wir uns anhören und aussehen, haben wir mehr Ähnlichkeit mit wilden Tieren als mit hoch gebildeten, intelligenten Menschen, die wir sind. Jeder schafft drei Steaks und zwei Würstchen. Dann müssen wir eine Pause machen. Wir hängen wie Schweinehälften auf unseren Stühlen und kommen nicht mehr hoch. Nur in den Armen haben wir noch genug Kraft, um die Hasseröder-Flaschen die Erdanziehungskraft überwinden zu lassen und ihren Inhalt in unsere Hälse zu schütten.
Ich kann nicht mehr richtig gucken, sehe nur noch weich gezeichnete Bilder. Meine Augen sind von innen mit einem Fettfilm überzogen. Komisch. Sehe im Weichzeichner, wie Andreas einen Schluck Hasseröder trinkt. "Warum", fragt er laut, "fängt der Name von diesem leckeren Bier eigentlich mit dem unschönen Wort Hass an? Weil es aus dem Osten kommt? Trinken das sonst nur Nazis? Warum kann das Bier nicht anders heißen? Liebesröder zum Beispiel. Unter den Menschen müsste viel mehr Liebe sein…" Und schon ist Andreas eingepennt. Sein Kopf sackt auf seine Brust und wird abgebremst von einem Kissen aus Halsfleisch, das am Nachmittag noch nicht da war. Er hat sich ein schlimmes Spontandoppelkinn zugezogen! "Ganz schön fett geworden, der Andi, haha!". Lallend taumelt Dirk zum Auto, in dem er hilflos zusammenbricht und liegen bleibt. Und mir fallen die Augen zu. Dann pfeifen uns die Vögel sanft in den Schlaf. Sie spielen unser Lied: Den Bratmaxesong.
online: www.holgersson.de
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