o l i v e r_t r i f i c


Wunderkind

Prolog

Er war das, was man Wunderkind zu nennen pflegt. Im zarten Alter von 14 Jahren hatte er schon die anderen Meister, die in seiner Heimatstadt ansässig waren, um längen überholt. Er kreierte Dinge die ihnen nicht im Traum hätten einfallen können. Kombinierte, korrigierte und reduzierte, brach alle vorhandenen Regeln und erfand dann seine eigenen. Die er dann genauso schnell wieder zerstörte. Er spielte auf unglaubliche Art mit Formen, Farben, Texturen. Sein Genie ergoss sich auf Tischen, Töpfen, Tellern, selbst in Nudelschüsseln und Espressotassen konnte man Zeugnisse seiner Kunst finden.
An den Wänden der Häuser in der Altstadt las man seinen Namen, von verknallten Schulmädchen hastig hingekritzelt, und sogar einmal mit der flehentlichen Bitte zum Kinderzeugen mit der unbekannten, offenbar pubertierenden Autorin.
Von den reiferen Damen der Stadt wurde er umworben wie ein reicher Advokat, er hätte jede in sein Atelier bitten können und sie hätten ihm alles erlaubt. Ob er es tat, wissen nur sie. Jungen, selbst die in seinem Alter, schauten ihn mit weiten Augen an, und fragten sich neidvoll warum denn nicht auch sie von dieser, seiner Muse geküsst worden waren.

Am 12. Mai 1987, kurz vor seinem 19. Geburtstag, verschwand Fabrizio Agnolotti spurlos.

"Da haben sie wohl Recht, mein Lieber, es ist kein leichtes Unterfangen ein gleichwohl florierendes wie auch kulinarisch ambitioniertes Restaurant zu führen. Ich hatte es schon des Öfteren versucht und erntete immer nur den finanziellen Segen, einen Stern oder selbst eine Auszeichnung als Restaurateur des Jahres blieben in ewig unerreichbarer Ferne.
Es war der 2. Mai 1987, als in der New York Times eine Reportage über einen jungen, hemmungslosen Kochlöffelgenius in Umbrien erschien. Und was ich las konnte ich nicht Glauben. Er hatte die waghalsigsten Kreationen, die unglaublichsten Verfremdungen der Zutaten zu einem Kunstwerk sondergleichen werden lassen. Austerngelee mit Avokadobutter, ein Tartar von der Taube im Ton geräuchert mit Lycheewein, als Dessert geriebene Kakaobohnen mit Zucker und Pfeffer gemischt auf einer hauchdünnen Scheibe gegrillten Parmaschinkens. Es war unfassbar, diese Gerichte waren perfekt, denn man konnte sie, trotz der zugegeben etwas armseligen Beschreibung in der Zeitung, schon auf der Zunge erahnen, den Schmelz der Butter, das leise Auseinenderbröckeln des Tatars und das Dessert, vollendet! Ich erkannte, dass er meine einzige Rettung war, aus dem kulinarischen Keller in den Olymp zu gelangen. Und dass ich bereit war alles zu bezahlen, alles zu tun was er verlangte. Ein Haus? Ich würde es ihm bauen, Frauen? Soviel er nur ficken konnte! Und wenn er es denn wollte, hätte ich ihm Männer kommen lassen. Drogen? Es gibt nichts was man spritzen, schniefen oder rauchen kann, das ich nicht besorgen konnte. Einen Tag später landete ich in Mailand, sicher in der Annahme alle meine Träume würden bald wahr werden.

Doch er war ein harter Brocken. Alle meine Bemühungen schlugen fehl. Nicht mal der Koffer voll gestopft mit Hundert-Dollarscheinen konnte ihn überzeugen. Ich kehrte in mein Hotel zurück, und überlegte wie ich denn weiter machen solle. Der Schlüssel zu meiner ewigen Berühmtheit war in einer kleinen Trattoria 2 Strassen weit weg, wohl gerade dabei das beste Steinbuttcarpaccio zu basteln das die Welt je sehen würde.

Es schoß mir wie kochendes Wasser durch die Adern! es war so klar! Er wollte doch sowieso nichts als kochen! kochen! kochen! Es war ihm egal wo. Seine Eltern, sie hatten ihn seit Monaten nicht gesehen denn er schlief in einer Hängematte neben dem Herd, würden sein Verschwinden gar nicht bemerken. Er kochte allein, nur eine alte Frau machte abends die Tür zu seinem Restaurant auf. Die Gäste bedienten sich selbst und bezahlten nach dem Ehrenprinzip, und sie zahlten viel. Doch darüber er war sich nicht mal bewusst. Das Geld schaffte ein Rechtsanwalt seines Vaters jeden dritten Abend in die Bank.
Ja, mein Plan war GENIAL!

Als die ersten Kunden am nächsten Abend seine Trattoria betraten waren wir schon lange fort.

Nun Herr Kommissar, wie sie sich vorstellen können war es ein leichtes ihn zu entführen. Er war gerade über einen kleinen Topf mit Glasaalen gebeugt die er mit einer Stecknadel ausnahm um sie dann mit einem Mousse aus Kaviar und Seerosenpollen zu füllen. Ich beobachtete ihn eine Weile dabei, so faszinierend war es ihm bei der Arbeit zuzuschauen. Das Gericht hatte ich übrigens am Vorabend gegessen, exquisit! und so leicht! Herrlich. Es lagen in der Küche überall schwere Pfannen und Töpfe herum, von denen ich eine fest in die Hand nahm. Wissen sie, ich glaube er hat nicht einmal bemerkt wie ich den gußeisernen Bräter durch die Luft schwang, bis er ihn auf dem Hinterkopf spürte. Er fiel zu Boden ohne jegliches Geräusch. Wie... So wie ein Kissenbezug. Ich hob ihn auf. Er war federleicht, denn er aß jeden Tag meist nur eine Schale Brühe mit etwas Arborio Reis, um mehr Zeit für seine Kunst zu haben. Ich trug ihn zum Auto und fuhr zu einem abgelegenen Landgasthof in die Marken. Über die nächsten vier Wochen mästete ich ihn wie eine Stopfgans, mit fettem Essen, viel Wein und Valium. Als er sich nach einigen Tagen vom Schlag auf den Hinterkopf erholt hatte fragte er nur kurz wo er denn sei, doch ich hatte vorgesorgt und schon einen Herd, Töpfe und Pfannen kommen lassen. Ich zeigte ihm das Arbeitsgerät, und selig wie ein Säugling mit ein paar Bauklötzen machte er sich sogleich an die Arbeit. Selbst im Drogennebel war er begnadet. Wer waren denn schon Bocuse, Marchesi, Escoffier? Sie waren unbedeutend im Vergleich zu meinem Zögling. Und es war ihm wirklich egal wo oder für wen er kochte. In diesen Wochen kreierte er einige der Gerichte für die ich noch heute bekannt bin. Das Morchelcarpaccio mit Froschleber etwa, oder das Hahnenkammragout im Noriblatt. Nun, in Palermo ließ ich einen Pass, komplett mit meinem Nachnamen und neuem Geburtsdatum fälschen, und das, da muss ich die Italiener loben, zu einem sehr fairen Preis. Am 5 Juni, flog ich mit meinem fetten "Neffen" Fabrizio Augustino, nach New York. Obwohl überall Carabinieri herumliefen gestaltete sich alles sehr, sehr einfach.

Der Rest ist wie man sagt Geschichte. Selbst sie kennen doch meine Restaurants, meine Signaturgerichte sind weltweit bekannt. Aber nun will ich der Welt etwas zurückgeben Herr Kommissar. Ich bin ein alter Mann, ich brauche niemanden mehr etwas zu beweisen. Sie können ihre Kollegen in New Jersey anrufen. Fabrizio ist im Keller eines Hauses in Hoboken. Die Adresse habe ich hier aufgeschrieben. Er ist glücklich nehme ich an, er brauchte ja niemals Freunde oder Ruhm. Ich habe für ihn ein großes Vermögen zur Seite gelegt, es wird ihm gut gehen. Ich glaube er sollte mal wieder an die frische Luft, 34 Jahre sind eine sehr lange Zeit. Nein, warten sie. Was ist das Datum heute, ich komme ja immer mit der Zeitverschiebung durcheinander. Doch schon der 12. Mai. Es sind ja auf den Tag genau 35 Jahre her. Nach wie langer Zeit verjährt eine Entführung in Italien eigentlich, Herr Kommissar? Ach wirklich? So ein Zufall. Dann wünsch ich Ihnen noch einen angenehmen Tag.

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