p a u l a_c o u l i n


Selig sind.

Ich sehe das direkt vor mir: im Schlafzimmer einer dezenten Wohnblocksiedlung am Rande Hamburgs steht ein großes Ehebett. Dieses Ehebett ist ein Sonderangebot einer großen Möbelkette, nichtsdestotrotz Qualität, sehr langlebig. In diesem Bett, sage ich mal, liegen zwei schlafende Wesen, die nicht das gesonderte Interesse der Nachwelt erwecken werden, aber genauso wie sie im Kampf um das ewige Glück verstrickt sind. Es bleibt abzuwarten, welches von beiden als erstes erwacht und uns vielleicht einen Blick in den Stand der Dinge eröffnet, also: mal schauen, wie weit die gekommen sind. Solange wir warten, möchte ich hinzufügen, dass ich gestern im Museum eine Madonna der Renaissance sah, deren Busen einer Venus Neid auf die Wangen getrieben hätte. Sie hatte den gleichen Blick wie meine schöne Freundin Claire, wenn sie den Gräsern der Natur zugesprochen hat und den Abend mit einer Zigarette krönt, bevor sie mich mit einem Wimpernschlag in die Knie zwingt.

Das weibliche Wesen der beiden hat zumindest den Busen der Venus. Bei genauerer Betrachtung hat sie jedoch ziemlich viele Mitesser auf der Nase. Wenden wir uns dem männlichen Wesen zu. Es ist dick, im fortgeschrittenen Alter und schnarcht. Die Frau - sie heißt Jenny, mit Sicherheit - spürt seinen Schnarchatem am Ohr, und wacht auf. Langsam. Sie hat von einer Hochzeit geträumt, in einer hohen Kirche, auf einer grünen Wiese, in einem weißen Kleid. Sie dreht sich um und will weiter schlafen. Lassen wir sie, schauen wir, ob wir in den Atemzügen des Mannes seinen Traum entdecken. Sein Traum, der weht mit dem Atem, seine Nase veranstaltet Ebbe und Flut mit der nach Zitrusaromen und Schweiß versetzten Luft. Seine Lungen sind der Strand, die der Sauerstoff benetzt, und er will sie nur schwer wieder gehen lassen, die Luft aus dem Zitronenhimmel. Daher das Schnarchen. Sein Kopf träumt, dass er leichter ist als Luft, dass er schwebt über einem Strand. Auf dem Strand liegt eine leckere Frau, aber das Schweben ist schöner.

Am Tage sinkt der Traum in die Knochen des Mannes, in die Gliedmaßen, wenn sie hart arbeiten, in dem großen Lager voller Konsumgüterkartons. Nur sie sind noch wach genug, um sich an den Traum zu erinnern, an die Schwerelosigkeit. Abends drängen sie schwer auf den Fernsehsessel und etwas erleichternden Alkohol. In der Nacht lassen sie den Traum vor Erschöpfung frei. Das ist der Grund, warum sich der Mann - Herbert heißt er - auch nicht rührt, nur sein Schnarchen verschafft sich Existenz. Jenny kann deswegen immer noch nicht schlafen. Was tut sie? Sie geht aufs Klo, betrachtet ihr müdes Gesicht, die Dauerwelle aus strohigem Blond, die nur entfernt an Engelslocken erinnert, fühlt den Speck über dem Rand der Klobrille. Da hockt sie, mit dem Traumrest. Sie steht auf und läuft in das Schlafzimmer, zu einem Schrank, öffnet ihn und greift in etwas Weiches. Ihre Augen gewöhnen sich an das diffuse Licht der Stadt und der diversen blassen Himmelskörper. Das Licht findet Widerhall auf vielen Bahnen weißen Stoffs, die sie mit beiden Händen vorsichtig betastet. Das Kleid. Sie hat es lange nicht mehr getragen. Herbert schnarcht laut auf, Jenny hält inne. Dann zieht sie das Nachthemd über die Schultern, hofft, dass er da drüben im Bett nicht gerade jetzt aufwacht und sie nackt sieht, und nimmt das Kleid aus dem Schrank.

Ich bin mir sicher, dass sie das Kleid im Fernsehen gewonnen hat. Sie hat damals noch nicht so viel gewogen, ist quer durch diesen Plastikparcour gelaufen, hat alle Drops von den Plastikpalmen gepflückt und dann das Hochzeitskleid gewonnen, das eh schon vollgeschwitzt war. Es passt nicht mehr. Sie lässt es hinten offen und betrachtet sich von vorn im Spiegel, ein Traum in weiß, ein Glückskleid. Es wogt um sie, ein Seufzer wogt in ihr. Sie denkt an den Tag, der jetzt, noch, weit entfernt ist, so weit wie die grüne Wiese. Es gibt wenig zu berichten, die Tage sind bedrückend leer, fast schon unwahr. Mahlzeiten bereiten, an einem Tisch essen, der für vier gefertigt ist, aber nur zwei beherbergt. Wäsche waschen (weiß in die Kochwäsche), einkaufen, Klarspüler. Die Anrufe an Mutter und Schwiegermutter. Und dann, gemeinsam den Fernseher teilen, so wie auch das Bett. Jenny streichelt ihr Gesicht, Arme, Busen, den Übergang zum Bauchfett. Sie öffnet die Balkontür. Ich kann sie sehen, ein heller Fleck in der Dunkelheit, vor der Kulisse des grauen Hochhauses. Am Horizont, hinter dem Hochhaus, dämmert es. Ein heller Lufthauch, berückend warm, kommt aus der Tiefe. Jenny lehnt sich über das Geländer. Die tiefe Dunkelheit zieht. Von Jennys Kopf fällt der weiße Schleier ins Dunkel. Im selben Moment hört sie aus dem Zimmer ein Husten. Herbert hat nach ihr gefaßt und ins Nichts gegriffen. "Jenny!", ruft er. Jenny kommt.

Wenn meine schöne Freundin Claire und ich am späten Abend nebeneinander liegen, hebt und senkt sich ihre Brust wie der Wind, und ich kann die hellen Härchen an ihrer Wange sehen. Wir liegen auf einer grünen Wiese, ich halte ihre schmale Hand, und es wird nie anders sein.

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