s a s c h a_p i r o t h


Breaking Glass und Tränengas

Das ganze hieß also `No Order-Punkfestival´ und wer immer auch sich den Namen ausgedacht hat, meine Fresse, der Typ hat wahrlich ins Schwarze getroffen.
Ein Mann mit Stil wohl, denn auch die Location konnte passender kaum sein. Centro de Rayo (Zentrum des Blitzes) hieß der Laden und war ein grauer, toter, und riesiger Zementquader, der grimmig von einem reihenhaushohen, mattschwarz lackiertem Eisengitterzaun umarmt wurde.
Davor wartete ich mit ca. 500 mexikanischen Hauptstadtpunks auf ein Wunder, auf `No Order´. Freien Eintritt halt, denn meine Bilanz sah eher traurig aus (3 Filterlose, 7 Pesitos) und die der anderen kein Deut besser. 180 Peso jedenfalls hatte hier keiner übrig, weder für die Misfits, die Dead Kennedys oder gar das lauernde, gesichtslose Rayo.
Und siehe da: irgendwann dann setzte sich das Pack auch einfach in Bewegung, schwarzen, zornigen Lemmingen gleich, Richtung Backstageeingang nämlich. Ghettoblaster bellten und Flaschen, die klirrten und bald schon mischten sich die ersten Autoscheiben splitternd ins Konzert.
Anarchie lag nun wie ein schwülkalter Schal um unsere schreienden Paria- Hälse. Durch die Stahlplatten, den Maschendrahtzaun des eher schlunzig gesicherten Hintereingangs mogelten sich nun die ersten Takte von `Viva Las Vegas´, denn die Kennedys hatten begonnen und mit Ihnen auch der Sturm aufs Rayo.
Als erstes fiel butterig nun der Zaun, mitsamt Pfosten und Betonsockeln. Dann ging alles recht schnell, an sich, denn ein Rudel rülpsender Rüpel hatte nun den etwas unglücklich geparkten VW- Käfer entdeckt, der erst fein säuberlich entglast und schließlich als Rammbock missbraucht wurde. Drei-vier Stösse und die Bahn war frei. Schartig das Loch, aber frei.
Das mussten dann auch die tränengasprühenden Securityleute einsehen, denn unaufhaltsam war nun die Flut Taugenichtse, die in die heiligen Hallen stürmte. Zu gross, zu wild, zu besoffen war der Mob, zu unverschämt der Eintritt, zu epileptisch die Nacht.
Zu lächerlich die fünf wichteligen Uniformierten auch in der wogenden, brüllenden Lederjackenflut. Dann folgte eine kleine Ewigkeit aus Keuchen und Husten und Kopfschmerz, denn das Gas war zäh, war garstig. Auch der Sänger (Typ: blass- irrer Jello Biafra-Imitator) musste passen und so folgten 2 Instrumentalstücke, dann `Kill the Poor´.
Die Stimmung war auf dem Zenit, denn nun zerlegte man die Bar, zerbrach die bis zur Decke reichenden Spiegel, die Gläser und dezimierte den Alkoholvorrat. Nun, viel gab´s da nicht zu holen.
Ein bisschen Mescal, ein paar Flaschen Bier, alle Spirituosen nämlich waren Atrappen. Dumm und leer. Staunend sah man sie dann im Kronleuchter, auf schwarzen, stacheligen Köpfen oder halt auf der Bühne landen. Wahrlich ein Bilderbuch von einem Punk-Konzert: Roh und laut und böse.
Und kurz.
Denn kaum waren die Kennedys von der Bühne geflüchtet, trugen finstere Heinzel auch schon ihre Instrumente (Bass, Gitarre, Drums, ach selbst die Mikros) auf leisen Sohlen in die finstre Nacht. Das Konzert jedenfalls war beendet, man hörte Sirenen und ging.
Nun kam die Stille nebst ihren Geschwistern, der Ruhe, der Harmonie angeschlichen.
Ein lulliger Frieden legte sich übers blutende Blitzzentrum.

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