s i g r i d_b e h r e n s


Fahrerflucht

Es ist am schönsten, wo man ist. Es ist dort, wo man nie sein wird. Es ist am Rand und unerreichbar und schon wieder vorbei. Es ist ganz woanders.
Sagst du. Meinst du, und sagst: ich; und meinst mich. Und bedienst die Leitung wie einen einsamen Tisch im Café, das ich kenne, das du gut kennst durch mich, doch nicht dort bist ohne mich und nicht mehr; benutzt das Telephon, um mich zu informieren über dieses: Ich bin woanders. Wo du nicht bist.
Die Leitung ist kein Café und zu ruhig und viel zu einsam, die Leitung knackt vor Missverständnis, die Leitung ist schlecht, sie rauscht und wogt. In meinen Händen hängt haltlos ein Hörer, hört nicht zu, gehört nicht mir, und du bist der Sprecher, den ich nicht suche. Sprecher sucht Hörer, Hörer in der Hand spricht viel, spricht falsch, hört nichts, schweigt. Sprecher bist du. Ich höre. Ich höre nichts, denn ich bin taub. Ich bin woanders, am Rand und unerreichbar und schon lange vorbei. Sagst du. Fährst ab.
Ich bin der Schweiger, halte den Hörer und spreche kein Wort. Ich gebe auf, den Hörer ab, der du nicht bist, den Hörer zurück, Sprecher hat geendet. Ziehe am Kabel. Zerstöre die Buchse. Gehe zur Tür. Trete vor die Tür und mit Kräften dagegen, wie mit einem Vorhaben; habe nichts vor, als gewöhnlich zu gehen, schließe die Tür, höre das Treppenhaus. Höre das Café, das wartet an der Straße, höre dich, wie du sagst: zu laut. Stöhnst. Meinst mich.
Steige ein. Ich in mein Denken, Andenken an dich. Fahre ab. Fahre zurück und weiter zum Café, es ist nicht weit, es ist immer dort, wo man nicht ist. Setze mich, bestelle deinen Namen, trinke deinen Vorwurf, werde fahrig, betrunken, widerspreche deinen Einwänden, gehe über sie hinweg, fahre mit der hohlen Hand über den Tisch, er klebt, fahre mich zurück zu anderen Tagen und anderen Tischen wie diesem, wie hier, sehe ab von deinem Schweigen, fluche, trinke, klebe meine Finger unter Gläser, lecke sie ab, zähle die Ringe, fahre mit den Fingern an den Ringen entlang, rund wie dein Schweigen, betrachte deine Stirn, runde dich ab, sauge Worte von deinen Lippen, fahre mit den Fingern an deinen Augenbrauen entlang, mit den Augen ab dein gesamtes Gesicht, ein Augenschlag auf unsere Zeit, trinke, trinke, schaue dich an, gieße mir nach, trinke, warte, immer auf dein Schweigen. Man fährt mich heim.
Die Decke dort zum Berg geworden. Zwischen den Bergen legt man mich nieder, stürzt mich in Schluchten voll glühender Hitze; ein Spalt, so tief wie deine Jahre, macht sich auf, schließt sich trocken über mir, macht nicht halt, macht mich ersticken; ich falle tief. Der Berg auf dem Bett macht mir Angst und erinnert an die Seen bei dir. Zwischen den Bergen, du schwimmst, verschwimmst, zwischen den Bergen die Matratze zu hart, ich zu leicht, die Seen vertrocknet; ich habe Durst. Du springst vom Steg. Schaust mich an. Lachst über meine Angst. Nimmst die Decke, den Berg, wirfst ihn dir um wie einen Mantel, springst in den See. Das Wasser spritzt. Hier ist es am schönsten, sagst du. Verschwindest. Lässt mich hängen unter Decken, schwitzen in kalten Seen, Matratzen durchschwimmen nach dir, tauchen nach gestern. Schweigst beharrlich, weckst mich nicht auf, lässt mich schlafen dort, wo es schön ist. Das ist nicht hier. Das ist immer dort, wo ich nicht bin.
Ich wache auf. Teste meine Stimme, hänge mich auf an der Leitung, scheitere am Gedanken allein, hänge ab; stecke das Kabel zurück, versorge die Buchse. Schließe die Tür gleich nach dem Öffnen. Steige ein und fahre ab, umfahre die Sonne und dir hinterher, fahre nicht allein, damit du es nicht merkst, fahre mit vielen, die du nicht kennst, die dich nicht kennen und nicht wüssten, wozu. Berge überall, die Stadt liegt schnell fern, sehr schnelle Berge an uns vorbei, es ist schön, doch noch nicht jetzt; das ist nicht gemeint, es ist zu sehr hier und nicht genug woanders. Woanders bist du, dorthin will ich fahren, ich glaube dir nicht, ich glaube kein Wort. Ich fahre. Ich darf beschließen. Ich treibe uns weiter, ich will nichts beenden, das ist meine Sache, und sie sagen nichts.
Überall Berge, überall Seen, doch nirgendwo du, kein Steg weit und breit. Verliere uns in Schluchten, werde unglaubwürdig, ungeklärt, unnachgiebig; sie wissen nicht, wie du aussiehst, was ich suche. Ich aber fahre. Ich aber fluche.
Übernachten in Zelten, wie du eines hast, Träumen gemeinsam von verschiedenen Dingen, und zum Frühstück dann kein Wort davon; fahren weiter, die Sonne hoch. Sehen Landschaften aus dem Fenster, Berge immer wieder, ich sage nichts, alles lacht. Sie sprechen von Ankunft, denn die Sonne scheint, greifen nach ihren Badesachen, nach den Seen überall; ich aber will heim, wenn wir dort sind, wo du einmal warst. Und fahre und fahre, sie schweigen und schlafen, sie warten und warten, zählen Berge, zählen Seen, zählen Gelegenheiten, verpasste, sprechen wenig, lachen kaum mehr und nicht über mich.
Bis wir dort sind, wo du einmal warst, als es schön war; steigen aus, sind eilig, fliehen mich, sie: ich sehe den See und die Berge und den Steg, ich sehe dich verschwunden sein, ich fahre heim. Wo du nicht bist. Keiner versteht. Alle gehen schwimmen. Ich will nichts trinken. Der Motor heult nur für mich, Reifen knirschen, meine Zähne, ich fahre ab, ab bis zum Rand, zähle Berge, Seen, Stege, bleibe am Rand und wie du unerreichbar und schon wieder vorbei. Es ist ganz woanders. Es ist am Abend. Sitze zu Hause, war dort, wo du warst. Es ist ganz woanders, nur du bist nicht da.

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