s v e n_h e i n e


The Sound of Schnee

Der Junge hat Talent, sagte sie. Ich hatte damals so eine Sache mit ihr, Mikes Mutter. Nichts Grosses. Sie erzählte mir von Mike, ihrem Sohn. Wir lagen nebeneinander und es war diese Zeit in der Nacht in der man entweder schweigt oder nicht mehr aufhören kann zu reden. Andere verrät oder sich selber. Als ich Mike bekam, sagte sie, verstand ich auf einmal die Welt, die Menschen und warum sie diese Dinge tun wie arbeiten gehen. Häuser bauen. Bäume pflanzen. Nur ihn, Mike, habe ich nie verstanden. Dieses Interesse für Schnee. Es kam während eines Urlaubs auf Gomera. Strand, Meer interessierten ihn überhaupt nicht. Er hatte sich einen Rucksack voller Bücher über die Eiszeit mitgenommen. Alle Bücher las er bei 25 Grad im Schatten. Baden ging er nicht. Manchmal zog sie ihn ins Wasser, damit auch er in die Sonne kam, dann stapfte Mike tropfend und schimpfend über den Strand und in das Appartement und ging den ganzen Tag nicht mehr ins Freie. Er hasste das Gefühl von Salzwasser auf der Haut. Er verstand das Konzept von Sommer nicht. Seitdem wollte er nur noch in den Winterurlaub.

Im Juli töpferte er Schneekristalle. Im Winter war er jeden Tag unterwegs und sammelte Schnee und Eis und untersuchte es in seinem Laboratorium. Zählte alle Kristallformen, die er fand. Er kam auf 6000 unterschiedliche, die er alle in ein Heft zeichnete und klassifizierte. Wusstest du, sagte sie mir, dass Schnee mit 0,9 km/h auf die Erde fällt. Regen kracht dagegen geradezu auf den Boden, mit 36 km/h. Kannst du dich nicht um den Jungen kümmern, fragte sie. Ich hatte ihr vorher in der Kneipe erzählt, dass ich im neuen Snowdome arbeitete. Tatsächlich suchten wir noch Mitarbeiter. Vor allem für die Weihnachtszeit.  Ich lernte Mike kennen.

Ich habe Talent, sagte er. Zum Vorstellungstermin brachte Mike den Pokal für den besten Nachwuchsskifahrer mit. Er hatte ihn im Skiurlaub bekommen. Mike zeigte uns das Foto mit seinem Skilehrer und erzählte, wie begeistert der von ihm gewesen war und der war Österreicher und die wissen wie man Ski zu fahren hat. Der Pokal blieb im Aufenthaltsraum. Er stellte ihn gleich auf das Regal. Dann gingen wir das erste Mal in den Snowdome und begannen die Piste zu präparieren. Als wir in die Halle traten, die Schneekanone blies Schnee in die Luft, blieb er einen Augenblick stehen, blickte sich um und nahm den Schnee in die Hand. Er nannte uns die Temperatur der Schneedecke. Bestimmte das Verhältnis zwischen Eiskristallen und Schneeflocken. Deutete auf Stellen, auf die wir besonders achten sollten, da sie zur Vereisung neigten. Als wir fertig waren, zeigte Mike sein Talent und testete die Piste. Wir guckten uns an und nickten und klopften uns auf die Schulter und, als Mike unten angekommen war, klopften wir ihm auch auf die Schulter, und sagten der Junge hat Fähigkeiten, das kann man sehen, auch wenn man kein Österreicher ist. Uns war klar, dass Mike den Weihnachtsmann spielen sollte. Viele Schulklassen würden in den nächsten Tagen kommen und der Weihnachtsmann sollte den Kindern Geschenke bringen.

Er spielte also den Weihnachtsmann. Trotz seines Alters nahm man ihm die Rolle ab. Er war distanziert. Ernst. Ließ sich am Bart ziehen, wenn es sein musste und ermahnte, wenn es zu stürmisch wurde. Er verteilte Geschenke und manchmal, nach der Bescherung, gab er Tipps für das Skifahren. Er fuhr mit und zeigte auf Knie und Arme und Schultern. Einmal zog ihn ein kleines Mädchen zu sich herunter und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Mike ... Sagte nichts. Kam langsam hoch und schüttelte langsam den Kopf. Zuckte die Schultern. Fuhr noch etwas Ski mit den Kindern und wurde von Abfahrt zu Abfahrt stiller. Als das Mädchen an mir vorbei kam, beugte ich mich herunter und fragte sie, was sie vom Weihnachtsmann wissen wollte. Sie legte ihren Kopf in den Nacken und sagte Wie hört sich Schnee an? Das weiß ich doch gar nicht. Die nächsten Tage blieb Mike in Gedanken versunken. Er wirkte abwesend, nachdenklich und geradezu kränklich. Er spielte weiterhin den Weihnachtsmann, aber die Leichtigkeit war dahin, er eierte über die Piste, als hätte er einen Platten. Dann verschwand er mit seinem Pokal. Also musste ich den Weihnachtsmann spielen. Mike blieb verschollen. Ich rief bei seiner Mutter an. Sie erzählte, Mike sei seit Tagen nicht mehr aus dem Zimmer gekommen. Er esse nur noch, wenn es wirklich notwendig sei. Er sage kein Wort. So wie sie damals gewesen sei, als sie Liebeskummer gehabt habe aber sie sei froh, dass sie ihren Sohn endlich mal wieder verstehe.

Es dauerte eine Woche bis Mike wieder auftauchte. Verändert. Er zog das Weihnachtsmannkostüm wieder an. Aber der Platten war nicht geflickt. Weiterhin eierte er über die Piste. Eines Tages, es war zwei Tage vor Heiligabend, fand ich ihn neben der Schneekanone sitzend. Leise rieselten die Flocken auf ihn. Ich trat näher und sah, wie er etwas in den Schnee drückte. Als ich etwas sagen wollte, legte er den Zeigefinger auf den Mund. Ich sollte ruhig sein. Eine halbe Stunde saß er so im Schnee.

Im nächsten Jahr kam Mike nicht mehr in den Snowdome. Ich fuhr als Weihnachtsmann die Piste herunter. Abends trank ich in der Kneipe. Manchmal traf ich Mikes Mutter. An einem Abend setzte sie sich neben mich. Schob mir eine CD über den Tresen. Von Mike, sagte sie. The Sound of Schnee stand auf dem Cover. Sonst nichts. Er habe richtig um den Schnee getrauert, sagte sie. Jetzt interessiere er sich für Mädchen, was auch anstrengend sei, aber dass mit den Mädchen könne sie irgendwie nachvollziehen. Sie wirkte erleichtert. Zu Hause legte ich die CD ein. Eine halbe Stunde Stille. Es ist der Schnee. Er hatte den Schneefall aus der Schneekanone aufgenommen.

Sven Heine - Leben in Hamburg bei immowelt.de

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