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Souvenirs von St. Pauli
Es ist heiß, es ist mittag, der Tag ist träge. Keine Fliegen summen, was schade ist, das Summen von Fliegen würde sich perfekt ins Ambiente fügen. Bemerkenswerterweise aber gibt es keine Fliegen auf der Reeperbahn, obwohl es an lecker Unrat eigentlich nicht mangelt. Kann sein, die Fliegen sind krüsch hier. Man ist ganz gerne mal krüsch, als Paulianer. Die hiesigen Penner, die keine Penner sind sondern Berber, sehen herab auf die Penner von St. Georg, die sehr wohl Penner sind, und als solche kein Umgang für die Berber von St. Pauli. Asoziales Gesocks, sagt Ronnie, dessen Arbeitsplatz fünzig Meter weiter rechts an der S-Bahn-Station liegt und der mir ebenso charmant wie bärtig morgens einen guten Morgen wünscht und abends einen guten Abend, unabhängig vom Geld, das er von mir kriegt oder nicht. Fünfzig Meter weiter links schnorren die Jungpunks und sind sehr putzig dabei. "Amüsierpöbel Hildesheim", steht auf dem einen seinem T-Shirt und wird als zu sponsorendes Projekt präsentiert. Nicht unüberzeugend. Jedenfalls: Keine Fliegen. Und keine Kundschaft. Heiße Luft drängt sich im Laden und sonst niemand. Sandra lackiert an ihren Nägeln rum, das tut sie fast immer, wenn Chef nicht da ist. Chef ist nicht da, Chef ist in seinem anderen Laden. Sandra lackiert. Total klischeemäßig, sieht nach RTL2-Lustigfilm aus. Außer Sandra lackiert sich keine einzige Frau im wirklichen Leben öffentlich die Fingernägel. Ich würde das sofort aus dem Drehbuch streichen und Sandra etwas anderes tun lassen. Italienische Vokabeln lernen, beispielsweise. Leider aber interessiert sich Sandra nicht für Italien, sondern exzessiv für ihre Nägel. Täglich. Inbrünstig. Meditativ. French Manicure, das heißt, daß sie sisyphusmäßig Schicht um Schicht fast-farblosen, leicht-roséfarbigen Lack aufträgt. Ihre Nägel sind so lang, daß ich schon beim Hingucken Angst kriege. Dabei ist Sandra nicht mal doof. Hinter dem Waffentresen steht unser Telefon, es ist das letzte Telefon der Ersten Welt mit Drehscheibe. Wenn Sandra telefoniert, muß sie mit einem Kugelschreiber wählen, sonst brechen die Nägel ab. Ich sehe gerne zu dabei: Letzte Öffentliche-Fingernagellackiererin der Welt wählt auf letztem Drehscheibentelefon der Welt. Eine hinreißend langsame, umständliche Prozedur. Man denkt an tibetanische Gebetsmühlen und den Dalai Lama. Man denkt sowieso zu viel Unsinn, wenn es nichts zu tun gibt. Keine Kundschaft. Keine Fliegen, kein Luftzug. Ich übe Butterflymesser. Einen Messergriffschenkel locker in der Hand halten, den anderen mit kleinem Schwung aus dem Handgelenk gegen den Handrücken schleudern: Schlack. Elegante 360°-Rotation: Klacker. Messerklinge mit stumpfer Seite, wichtig!, gefolgt vom freien Griffschenkel gegen Handrücken schleudern: Schlack. Messergriffschenkel zurückschnellen lassen und greifen: Zzip. Messer ist aufgeklappt. Dann das ganze rückwärts: Zzip, Schlack, Klacker, Schlack. Dann von vorn. Schlack. Ganz langsam. Klacker. Wenn man's dann erstmal schnell kann, sieht's mordsgefährlich aus. Sandra kann's trotz Fingernägeln, ganz prima Show das: Betritt ein übliches Rudel Jungtürken den Laden, Italowesterngesichtsausdrücke zwischen den Ohren und Hammer in der Hose, zeigt auf die hühnchenkleine blonde Sandra und dann auf die Messer: Du, Blondie, zeig mich mal Messer; geht Sandra cool an den Messertresen, nimmt ein Messer raus, Schlackklackerschlackzzip hat Young-Yussuf Van Damme eine Klinge unter der Nase. Doofes Gesicht, spontaner Erektionsverlust, sehr effektvoll. Sandra hat die Jungs im Griff. Ich finde das cool und will das auch können. Ich übe daran. Schlack. Klacker. Schlack. Zzip. Es ist heiß. Ich übe langsam, damit ich mir nicht weh tue. Schlack. Sandra lackiert. Sonst studiert sie ab und zu Jura oder was anderes, und sie baut jede unserer Gaswaffen innerhalb von zwei Minuten auseinander und wieder zusammen, trotz Fingernägeln. Klacker. Manchmal werfen wir mit Ninja-Wurfsternen auf dicke Stapel alter Kartons. Die teuren aus Edelstahl gehen durch 30 cm Karton glatt durch. Manchmal halten wir auch Luftpistolenwettschießen ab, aber natürlich nur wenn Chef nicht da ist. Schlack. Zzip. Hör auf mit dem Scheiß, das Geräusch macht mich wahnsinnig, sagt Nadine und bewirft mich mit einem uringelben Tierchen ungeklärter Spezies aus Taiwan. Das Tierchen grinst hämisch. Ich höre auf mit dem Scheiß. Nadine liest weiter, ein schlechtes Buch, es ist zu heiß für gute Bücher. Wenn Nadine nicht gerade schlechte Bücher liest, erzählt sie uns von Männern. Sie will einen, unbedingt, und sie berennt das Problem mit der grimmigen Entschlossenheit und strengen Logistik einer Everest-Besteigung. Die Orte, an denen sie Männer rekrutiert, lassen mich schaudern. Nadine ist geistreich und einsam, eine Art emotionaler Mariannengraben klafft in ihr. Ein bißchen beängstigend. Vor einem zweiten Date fragt sie den jeweiligen Kandidaten, ob er's ernst meint. Das zweite Date kommt nur selten zustande. Dann leidet Nadine. Ich hebe das Tierchen auf und setze es zurück in seine Herde. Je häßlicher die Tierchen, umso besser verkaufen sie sich. Die Tierchen kaufen die Deutschen. Die Türken und die Russen kaufen die Waffen, die gelegentlichen Amerikaner kaufen die Bierseidel. Die Japaner kaufen aus irgendeinem Grund Nagelknipser. Wir haben das nie begriffen. Es läuft nach dem immer gleichen Schema ab: 20 kleine Japaner kommen in den Laden gewimmelt, teilen sich in Dreier- oder Vierergrüppchen, schwärmen aus. Das erste Grüppchen entdeckt den Ständer mit den Nagelknipsern. Zwitscherzwitscher, hihihi, aufgeregtes Gewinke, aufgeregtes Geschnatter, alle 20 Japaner versammeln sich um den einen, der erregt einen Nagelknipser hochhält, erröten, alle machen: Hihihihihi. Man kann sich des Eindrucks schwer erwehren, es handele sich um irgendetwas Sexuelles, aber was bloß? Dann kauft jeder Japaner fünf Nagelknipser. Geheimnisvolles Asien. Die Amerikaner hingegen kaufen sich Bierseidel, die besonders bunten, mit maschinell getöpferten seitlichen Hirschapplikationen und oben entweder eine Gemse drauf oder eine Art große Ratte. Sie fragen bisweilen, welche Variante denn die typische für hier wäre. The local, traditional one. Wir empfehlen dann die Ratten, die schwerer verkäuflich sind als die Gemsen. Klar, wer will schon eine Ratte auf seinem Bier, außer Amerikanern. Es kann einem schon Angst werden bei der Vorstellung, daß unsere Welt regiert wird von Menschen, die ihr Bier aus grellfarbigen taiwanesischen Bierseideln mit Ratten drauf trinken möchten. Nadine fragt, ob nicht jemand einen Pornocomic nebenan kaufen gehen will, aber mir ist zu heiß, und Sandra hat einen Riß im Fundament einer ihrer Nägel entdeckt, um den sie sich kümmern muß. Sie klebt den Riß mit Sekundenkleber aus Chefs Büro. Es hält. Wie gut. Auftritt Chef, Chef sagt Hallo. Nicht viel los, sagt er, nee, sagen wir. Ich setze Kaffee auf. Wir trinken ihn aus angeschlagenen Porzellantassen mit Hummel-Wasserträger-Abbildung. Hummel Hummel - Mors Mors steht darauf. Sandra spreizt den Sekundenkleberpatienten beim Trinken ab. Nadine erzählt von Oliver, der nicht anruft. Sie leidet. Sie hat Angst, keine Kinder mehr zu bekommen. Vielleicht ruft er ja noch an, sagt Sandra. Auftritt Gerti. Gerti trägt Puschen, ihr weniges Haar ist offen und wirr. Auf dem Kopf hat sie kahle Stellen. Das kommt, weil ihr Kerl ihr manchmal die Haare ausreißt. Sie wohnt nebenan irgendwo. Hallo Gerti, sagt Sandra. Hallo, sagt Gerti und macht Winkehändchen. Sie geht die Theken entlang und bestaunt unser Warenangebot. Messer, Portemonnaies, Gasrevolver, Samuraischwerter, Buddelschiffe, Hummeltassen, das ganze Gedöns. Sie nimmt ein häßliches Taiwantier, knuddelt es und sagt: Wie süß. Schwer zu sagen, wie alt Gerti ist. Mitte vierzig, Mitte fünfzig, Mitte sechzig? Sie sieht aus, als wäre ihr eine Planierraupe über die Seele gefahren. Schenkt ihr mir was, sagt sie. Ach Gerti, sagen wir. Sie bleibt bei einem Grabbelkörbchen mit scheußlichen Schrottohrclips aus Plastik hängen und wühlt. Ooh, so schöne Ohrclips, sagt sie. Schenkt mir doch Ohrclips, sagt sie, bittebitte. Ich kann doch keine richtigen Ohrringe mehr tragen, seit mein Männe mir die rausgerissen hat, sagt sie. Sie streicht ihre Härchen zurück und zeigt uns ihre Ohrläppchen, die gespalten sind wie Reptilzungen. Gibt bestimmt hier irgendwo ein Piercingstudio wo sie sowas auch machen. "Endless Pain" heißt eines. Die Plastikohrclips kosten 50 Pfennig, kauft aber trotzdem keiner, zu fies, selbst für unsere Kundschaft. Nee, Gerti, sagt Chef, laß man. Ooch, bittebitte, sagt Gerti, die sind doch so schön, ich möchte auch mal was Schönes haben. Gertis Unterschenkel sind von dicken blauen Venen durchwoben, am Hals hat sie eine große Narbe. Sandra hat mir erzählt, daß Männe versucht hat, ihr die Kehle durchzuschneiden. Sie sei mit dem frischen Verband um den Hals im Laden gewesen. Sie hätten auf Gerti eingeredet, sie solle den Kerl doch um Gottes willen verlassen, aber Gerti hätte Sandra nur angeguckt mit großen treuen Augen wie ein taiwanesisches Stofftier und gesagt: Ach Deern, was soll ich denn machen, ich lieb ihn doch so. War vor meiner Zeit, ich bin noch nicht so lange hier, und ich bleibe auch nur diesen Sommer, nur, bis ich weiß, was ich machen will mit meinem Leben. Gerti, du weißt doch, ich kann dir nicht dauernd was schenken, sagt Chef und wirft sie nicht unfreundlich aus dem Laden. Gerti geht gehorsam. Chef geht zurück ins Büro. Ich schäme mich plötzlich sehr, greife mir ein Paar häßliche Ohrclips und gehe Gerti hinterher, aber als ich vor der Tür stehe, ist Gerti schon weg. Draußen ist es genauso heiß wie drinnen im Laden. Keine Touristen, keine Fliegen, ein paar Berber dösen am S-Bahn-Eingang. Keine Gerti. Ich gehe zurück in den Laden und trinke meinen Kaffee, schmeckt mau. Nadine erzählt von Oliver, am Samstag hat sie ihn kennengelernt, im Thomas Reed. Ob er noch anruft? Kann man nie wissen, sage ich. Wir sehen aus dem großen Fenster, das wir morgens putzen. Viel zu sehen gibt es nicht. Draußen bewegt sich die Stadt in slow motion. Drinnen tändelt kokett ein bißchen Staub über taiwanesische Bierseidel und Buddelschiffe. Wir warten auf den Nachmittag oder irgendwas anderes.
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