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Donnerstag
Der Brief kam am selben Tag, an dem ich entlassen wurde. Er war an ihn
adressiert, mit schnörkeliger Handschrift, fälschlicherweise landete er
in meinem Briefkasten. Sein Briefkasten lag direkt über meinem, wie
unsere Wohnungen. Ich öffnete ihn nicht. Nahm ihn mit rauf, in seinem
rosa Umschlag und stellte ihn auf die Kommode. Dann aß ich zwei Pizzas.
Er wohnte noch nicht lange hier, und ich hätte den Brief einfach in
seinen Kasten stecken sollen, doch ich hatte keine Lust. Ich stellte
ihn also auf die Kommode und aß zwei Pizzas. Ich war so enttäuscht,
dass ich noch eine dritte Pizza in den Ofen schob, Stefans
Lieblingssorte, Thunfisch, er hatte sie gestern noch für uns gekauft,
nun schob ich mir die dicken Stücke in den Mund, aus lauter Frust.
Es war nicht recht, wie Herr Kellermann mich ansah, als er mich am
morgen in sein Büro bat. Ja ja, ich war in letzter Zeit etwas
unkonzentriert bei der Arbeit und hatte auch schon mal falsche
Rechnungen rausgeschickt, aber dass Herr Kellermann deswegen gleich die
Jalousie runterließ, die anderen in die Mittagspause schickte und
derart laut wurde, das war gar nicht recht. Innerhalb von zehn Minuten
hatte ich meinen Schreibtisch leergeräumt.
Ich saß inzwischen auf dem Küchenboden, trank noch einen Kräuterlikör,
ich weiß nicht mehr welchen, wir haben mehrere im Haus, und öffnete den
Brief. Ich weiß, das war auch nicht recht, aber ich ärgerte mich über
die Art, wie Herr Kellermann mich angesehen hatte und wie er in mein
Leben eingegriffen hatte und ich fand, ich hatte das Recht, auch in
anderer Leute Leben einzugreifen.
Lieber Papa, stand da oben, in Kinderhandschrift, auf dem rosa
Briefpapier, wahrscheinlich eine Mädchenhandschrift, sie war sehr
verziert, jedes Wort endete mit einem kunstvollen Kringel. Dann folgten
mühsame Ansätze von Sehnsucht, mit Sätzen wie ich fermisse dich,
zwischendrin Alltagserlebnisse, wie Schule ist doof, und immer wieder
ich haab dich lieb. Hab mit doppel a. Unter dem letzten ich hab dich
lieb folgte ein kerzengerades deine Tochter Lisa.
Ich ließ den Brief fallen. Mir war schlecht von der Pizza. Ein
verschmähter Familienvater? Ich hatte ihn ein paar mal gesehen, dunkle
Haare, anziehend, sehr anziehend, und nun hockte er über mir und
wartete auf Briefe von seiner Tochter, die er vermutlich nicht sehen
durfte und die ihn auf rosa Briefpapier vergötterte. Ich stürzte ins
Bad und übergab mich eine Weile. Es schmeckte nach Thunfisch. In diesem
Moment kam Stefan nach Hause, geht es dir gut, Schatz, tönte er vom
Flur, mir war nicht nach antworten zumute, also erzählte ich ihm erst
mal nichts, ich fühlte mich schmutzig.
Ich wurde neugierig. Am nächsten Tag schlich ich zum Briefkasten,
einfach, um zu gucken, ob etwas für ihn gekommen war, und ich
entdeckte, dass seine Briefkastentür klemmte, mit einem kleinen Ruck
konnte ich sie öffnen. Eine Telefonrechnung und ein Männermagazin. Es
war diese Art von Männermagazinen, die ich sexuell unausgelasteten
Männern ab fünfzig zutraue, aber auf keinen Fall Vätern. Wie frustriert
er wohl sein muss, dachte ich und nahm die Briefe mit rauf.
Es wurde zum Ritual, mein zweites Frühstück, mit Kaffee, meist holte
ich mir noch Kuchen und breitete feierlich seine Briefe auf meinem
Küchentisch aus, bevor ich sie öffnete. Seine Telefonrechnungen waren
höher, als meine Miete, bestimmt telefonierte er stundenlang mit seiner
Tochter, einige Briefe steckte ich laienhaft zugespeichelt wieder in
seine Briefkasten.
Sein Kontostand war in Ordnung. Jedenfalls besser als meiner,
wahrscheinlich hatte er einen ganz passablen Job, wenn er noch
Unterhalt zahlen musste, vielleicht als Grafiker, im Haus wohnten
bereits zwei davon. Einmal kam eine ganz üble Mahnung von einem
Versandhaus, er hätte doch die Digitalkamera SX-305 längst erhalten,
und wenn er das Geld nicht innerhalb von zwei Wochen überweise, müsse
er mit einem gerichtlichen Verfahren rechnen. Ich schrieb einen langen
Beschwerdebrief an das Versandhaus und unterschrieb mit seinem Namen.
Es ging mir besser. Ich hatte was zu tun, fühlte mich gewissermaßen für
ihn verantwortlich, ich hasse es, nichts zu tun zu haben, es macht so
destruktiv, und Stefan merkte nichts, wunderte sich nur, dass ich
abends immer noch im Bademantel rumlief.
Einmal stand er hinter mir, beim Briefkasten, wie konnte er mich nur
derart erschrecken, ich hatte gerade seine Handyrechnung wieder in
seinen Kasten geschmissen. Hallo, sagte er, irgendwie abwesend, hallo,
sagte ich genauso abwesend, dann ging er wieder rauf. Er sah müde aus,
abgespannt, ich fing an, mir Sorgen zu machen, lass dich nicht so
hängen, dachte ich, das tut dir nicht gut, das tut niemandem gut.
Vielleicht sollte ich mal bei ihm klingeln, wenn er Sorgen hatte,
brauchte er doch sicherlich jemanden zum Reden, immerhin hatte ich
jetzt seine Handynummer.
Und immer Donnerstag kam dieser rosa Brief. Immer mit deine Tochter
Lisa unterschrieben und immer öfter mit Andeutungen, dass Mama zu viel
arbeite und dass ihre Schulfreundinnen lästerten, da kein Papa mehr da
war. Wie kann man eine Familie nur so auseinanderreißen, dachte ich,
wenn alle darunter leiden, besonders das Kind und der Vater. Ja,
besonders der Vater. Ich wurde richtig wütend. Ging zum Telefon und
rief das Jugendamt an. Was sie sich denn dabei gedacht hätten, das Kind
einfach bei der Mutter zu lassen, ohne vorher die Familienverhältnisse
zu klären, der Vater sei eine viel bessere Mutter und nun sitze er
verzweifelt zu Hause. Niemand wußte, wovon ich sprach. Ob ich denn eine
Verwandte sei, wollte die Frau wissen, entfernt, sagte ich, ja, da
dürfe sie leider auch keine Auskunft geben. Ich knallte den Hörer
auf.
Stefan kam spät nach Hause, ich raunzte ihn an, was das solle, einfach
so immer später von der Arbeit zu kommen, wenn er Kinder hätte, könne
er sich das schließlich auch nicht erlauben. Er war völlig überrumpelt.
Ich war kurz davor, mit Geschirr zu werfen, er solle mal darüber
nachdenken, warum er denn mit mir zusammen sei, und ich glaube nicht,
dass er so viel Verantwortung habe, Kinder mit mir in die Welt zu
setzen, er sei doch sowieso nie da. Stefan sah mich fassungslos an.
Sagte, ich solle doch erst mal meinen Bademantel wechseln. Dann schmiss
er die Haustür hinter sich zu.
Zur Beruhigung musste ich erst mal wieder einige Briefe aus seinem
Briefkasten fischen, alles Rechnungen, ich schmiss sie weg. Dann rief
ich die Telefonseelsorge an. Erklärte ihnen meine Sorge um meinen
Nachbarn, vielleicht würde er sich etwas antun, wenn er sein Kind nicht
bald sähe, die Dame hatte eine sehr beruhigende Stimme, sie sagte, bis
jetzt sei es noch bei allen gut ausgegangen. Und wenn ich gar nicht
mehr weiter wisse, könne ich mich ja ans Jugendamt wenden. Ich legte
den Hörer auf.
Stefan kam nur noch sporadisch vorbei, mein Bademantel fing bereits an
zu stinken, und sobald er ihn sah, ging er wieder.
Am nächsten Donnerstag war kein rosa Brief im Briefkasten. Doch die
Post war bereits da, bestimmt war er wieder im falschen Kasten
gelandet, manisch versuchte ich, alle Briefkastentüren zu öffnen. Sie
gingen einfach nicht auf, ich holte einen Hammer, schlug auf die
Türchen ein, kein rosa Brief. Nein, dachte ich, bitte nicht und rannte
nach oben, stand vor seiner Haustür, den Hammer noch in der Hand und
klingelte. Eine Frau öffnete mir. Ich war immer noch im Bademantel und
roch nicht sehr gut. Im Hintergrund hörte ich eine Mädchenstimme.
Verzeihung, sagte die Frau, wir waren bestimmt zu laut, wegen der
Möbel, aber wir sind heute erst eingezogen, mein Mann wohnt ja schon
einige Monate hier. Ich sah sie nur an. Kommen Sie uns doch mal
besuchen, wenn wir hier fertig sind, sagte sie, ja ja, sagte ich, ich
wollte sowieso mal klingeln, ich klingle dann einfach mal.
Ich schlich in meine Wohnung. Wieder war mir schlecht. Irgendwie drehte
sich alles, meine Briefe, ich meine, die rosa Briefe, ich warf sie ins
Waschbecken und zündete sie an. Dann ließ ich mir Badewasser ein.
Drehte den Hahn nicht ab, ließ das Wasser fließen und stieg in die
Wanne. Das Wasser war warm.
Mal sehen, wann Stefan kommt, dachte ich noch.
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