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Von den Inseln
Die Zeit auf den Inseln ist eine andere. Sie dehnt sich aus, sie zerfließt wie der rosa Erdbeerkaugummi in den Mündern der Einheimischen. Mehrmals im Monat legen Fähren mit den Namen lang versunkener Städte am Festland ab und kämpfen sich über die See, doch nur wenige von ihnen schaffen es bis zum westlichsten der Inselhäfen. Neben dem Leuchtturm steht eine rostige Normaluhr, auf der die Sekunden so langsam verrinnen wie Tropfen, die sich an einem undichten Wasserhahn sammeln, sich zitternd dehnen, schwerer werden und schließlich abstürzen. Es ist die einzige Uhr auf den Inseln.
An der Mole warten die Taxis, tagein, tagaus. Die Fahrer lehnen an den halb geöffneten Türen und nehmen ab und zu einen Zug aus ihren träge glimmenden Zigaretten. Unter ihnen ist mein Geliebter. Er hat das Taxi von seinem Vater geerbt und der wiederum von seinem Vater. Er hat den nackten Unterarm auf das Autodach gestützt. Seine Lippen schmecken nach Erdbeerkaugummi. Er wartet auf den Tag, an dem ich wiederkomme. Er hat Zeit.
Ich lebe auf dem Festland. Ich arbeite in der Hautpstadt. Ich atme im Takt der Maschinen. Ich schlafe wenig. Nachts zähle ich die Tage. Ich zerbreche sie in immer kleinere Einheiten, in Stunden, Minuten und Sekunden. Ich schichte die Zeitfetzen wie Ziegelsteine vor mir auf. Ich träume nie. Morgens weckt mich eine Fabriksirene. Die U-Bahn verkehrt im Drei-Minuten-Takt. Grellfarbige Kräne vermessen den Himmel. Presslufthämmer lassen die Wände der Hochhäuser erzittern.
Immer wenn die Fähre in den westlichsten Inselhafen einläuft, liegt das Meer nackt und faulig unter der Abendsonne. Meistens schwanke ich noch ein wenig, wenn ich das Taxi besteige, das auf mich gewartet hat. Die Straßen auf den Inseln sind mit verschiedenfarbigem Teer geflickt wie ein oft getragenes Kleid. In den Vorgärten schlafen Schiffe unter Plastikplanen.
Mein Geliebter bringt mich in ein Zimmer mit schrägen Wänden, dann ziehen wir uns aus. Er ist in all den Jahren kaum gealtert, die Muskelstränge rechts und links seines Rückgrates sind noch immer glänzend und kraftvoll wie zwei Flutwellen. Während sich die Sonne vor dem Fenster in eine blutig rote Zitrone verwandelt, wird sein Atem schneller. Auf dem altertümlichen Fernseher steht ein goldenes Plastikschwein und sieht uns bei der Liebe zu. Danach kehren wir in ein Gasthaus ein und scharen uns mit den anderen um ein leierndes Tonbandgerät. Die Lieder von Seemännern und Wellengeistern kennen wir auswendig. Wir singen jede Strophe mit.
Die Männer in der Stadt sind anders. Ihre Haut ist rauer. Ihre Bewegungen sind präzise wie bei der Arbeit. Manche von ihnen behalten ihre Mobiltelefone selbst nackt noch in der Hand. Die Matratze unter ihnen erzittert, wenn draußen die Hochbahn vorbei fährt. Wenn sie noch dabei sind, wartet bereits etwas oder jemand anderes auf sie. Ein Auftrag, ein Anruf, eine andere Frau. Beim Anziehen knöpfen sie Hose und Hemd gleichzeitig zu. Im Spiegel kann ich die Digitalanzeige meines Weckers erkennen. Meine Haut, zu faltig und zu weich für etwas, das noch lebt. Und den Koffer, der gepackt in der Zimmerecke steht.
Wenn ich das nächste Mal zurückkehre, wird es für immer sein. Die Fähre am Festland wird bei Flut ablegen. Im seichten Wasser jenseits der Fahrrinne wird man noch die Umrisse von Menschenfüßen, Hundepfoten und Möwenkrallen erkennen können, die wenige Stunden vorher das Watt betreten haben. Es wird die letzte Fähre sein.
Mein Geliebter wird neben seinem Taxi auf der Mole stehen, den sonnengebräunten Unterarm auf die halb geöffnete Tür gestützt. Ich aber werde bald in einer der versunkenen Städte leben, in einem Zimmer mit schrägen Wänden. Dort werde ich mir Träume ausdenken für meinen Geliebten, so, wie es heißt in der letzten Strophe des Liedes, das sie abends in den Inselgasthäusern singen.
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