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Auszug aus dem Roman: "In Plüschgewittern"
Zweitausendeins 2002
Draußen ist es auf einmal viel heller als in dem Laden. Eine helle Nacht. Ich gehe in
irgendeine Richtung, und dabei fällt mir ein, was ich heute abend machen werde. Ich werde
mich nämlich besaufen. Und zwar richtig.
Ich gehe in die nächste Eckkneipe, an der ich vorbeikomme, trinke ein kleines Pils für
drei Mark und gehe dann weiter, 200 Meter, und da trinke ich wieder ein kleines Pils.
Das fängt an, gut zu funktionieren. Ich trinke einfach in jeder Eckkneipe, an der ich
vorbeilaufe, ein kleines Pils. In der dritten Kneipe ein großes Pils, in der vierten
auch. Ich lasse alles, was nach Szenelokal aussieht, links liegen und gehe nur in
Kneipen mit Holzvertäfelung und Sportpokalen über der Theke und Namen wie Eck-Kartause
oder Pilsner Stüberl. Und das Schöne daran ist, da stehen dann so Frauen mit
Perückenfrisuren hinter der Theke, die gar nicht warten, bis man den Mund auftut,
sondern gleich: "Ein Bier?" rufen und schon die Hand am Zapfhahn haben, egal, ob man
diese Schultheiss-Brühe wirklich will oder nicht. Das ist schon sehr erfreulich, daß
es das noch gibt, mitten in dieser riesigen Stadt.
Nach sechs oder sieben Kneipen lande ich im Kaffee Burger in der Torstraße, einem völlig
heruntergekommenen 70er-Jahre-Wohnzimmer mit speckigen Häkelvorhängen und
Ostdevotionalien an der Wand, und ich merke zu spät, daß das Ganze keine Stüberl-Kneipe
mehr ist. Und zwar merke ich das daran, daß die Musik, die da läuft, nicht wirklich
scheiße ist und überall nur ganz, ganz junge Leute in Trainingsjacken rumstehen. Sie
sind alle noch schlechter angezogen als ich, das heißt also eigentlich besser, denn
die Masse hat ja irgendwie immer recht. Ich versuche, ein Bier zu bestellen, und es
dauert eine Dreiviertelstunde, bis die Bedienung reagiert. Daß man nicht bedient wird,
gehört in solchen Clubs ja dazu. Keine Bedienung, Hosen ohne Form und grauenvoll
bedruckte T-Shirts. Ich fühle mich da immer ein bißchen ausgegrenzt.
Das Komische daran ist, wenn man nach Marzahn rausfährt oder in die anderen
Elendsquartiere, sind die Leute genauso gekleidet. Da sitzen die Kinder vor den
Supermärkten auch noch mit Stoffhosen und blauer Adidas-Trainingsjacke, genau wie
hier. Außer daß die hier Achttausendmarksjobs machen und Kommunikationsbrillen aufhaben.
Das haben die in Marzahn natürlich nicht. Da ist das noch 70er-Jahre-Elend, während das
hier 21. Jahrhundert ist. Wenn man von hier nach Marzahn läuft, kann man wahrscheinlich
sogar eine kontinuierliche Zeitreise unternehmen durch alle Moden und Haltungen der
letzten dreißig Jahre. Die 90er in Friedrichshain, die 80er in Lichtenberg, die 70er
in Marzahn. Und wenn man dann über Marzahn hinausläuft, was man nie tun sollte, landet
man irgendwann wieder im Faschismus.
Neben mir steht eine Gruppe von Männern, die alle aussehen, als hätten sie ihre Jugend
mit Spex-Lesen drangegeben, und da erkenne ich einen wieder. Der war vor ein paar Tagen
im Meilenstein mit dabei. An seinen Namen kann ich mich nicht erinnern, aber er spricht
mich an und fragt, wo ich Desmond gelassen hätte. Das heißt, er sagt Des.
Wo ich Des gelassen hätte.
"Keine Ahnung", sage ich.
Wir unterhalten uns eine Weile, und es ist eigentlich ein sehr angenehmes Gespräch,
außer daß er dauernd von etwas begeistert ist, und ich bin immer in der Klemme, was
ich darauf antworten soll. Dazu, daß Don DeLillo der beste Schriftsteller der Welt ist
oder Domian die Ikone der Trashkultur, dazu kann ich wirklich nicht viel sagen. Er
redet wie ein Stadtmagazin. Aber es ist in jedem Fall besser, als gar nicht zu reden,
sonst fällt mir nur wieder dieser ganze Unsinn ein. Warum das immer so enden muß. Und
ich will da wirklich nicht mehr drüber nachdenken.
Ich erzähle ihm von meiner Erfindung mit dem Zeitreisen und Marzahn, aber ich drücke
mich ungeschickt aus, oder er versteht mich nicht. Jedenfalls antwortet er, daß er noch
nie in Marzahn war. Ich glaube, er hält mich sogar für ein bißchen zurückgeblieben, und
das gefällt mir irgendwie nicht. Manchmal amüsiert mich das, wenn Leute, die ich für
doof halte, mich auch für doof halten, aber manchmal auch nicht. Wir trinken unser Bier,
er dreht sich ab und zu um, aber er kennt auch keine interessanteren Leute hier. Dann
erzählt er etwas von einem Möbelgeschäft. Einen unglaublichen Blödsinn. Angeblich werden
da gar keine Möbel verkauft, und das Möbelgeschäft sei gar kein Möbelgeschäft, sondern
ein Simulakrum.
"Ein was?" sage ich, und er sagt, ein Möbelgeschäft für Leute, die ironisch wohnen, ein
ganz verrücktes Konzept, also verrückt mit Bindestrich, und dann klingelt sein Handy.
Peng, peng. Ich glaube, ich drehe langsam ab. Verrückt mit Bindestrich, das habe ich
vor zwanzig Jahren zuletzt gehört. Das mußten damals immer so Leute wie André Heller
oder Dorothee Sölle sagen. Aber heute verstehe ich nur noch Bahnhof. Oder das ist wieder
diese Adidas-Trainingsjacken-Ironie.
Der Mann starrt konzentriert auf sein Handy, um im Dunkeln die Auflegetaste zu treffen,
steckt das Gerät in die Seitentasche seiner Hose und lächelt mich an. Beim Sprechen
tatscht er immer an mir herum, und vorsichtshalber erkundige ich mich mal, ob er
vielleicht schwul ist, weil, ich will jetzt wirklich nicht auch noch einen Schwulen
an den Hacken haben. Aber er sagt nein, und mir fällt ein, daß er ja gar nicht schwul
sein kann, weil er doch neulich dieser Frau, die so aussah wie Gina Gershon,
hinterhergelaufen ist.
"Früher hatte ich ganz lange Haare, da haben mir die Homosexuellen die Bude eingerannt",
sagt er. Ich sage, das würde er ja wohl selbst nicht glauben, und zum Beweis holt er
seine Bahncard aus dem Portemonnaie, und dann, als ob das nicht reicht, eine Karte,
die ihn als irgendwas von einer Bundestagsfraktion ausweist.
"Das ist ja unglaublich", sage ich, "du hattest ja früher richtig lange Haare", und
ich kann kaum noch an mich halten, was das für ein Gebaren ist, hier wildfremden Leuten
solche schlimmen Karten zu zeigen. "Richtig, richtig, richtig lange Haare."
Das ist so die Sorte Gespräch, die ich immer führen muß, bevor ich mich völlig ausklinke.
Schließlich will er noch woanders hin, in eine illegale Kneipe, und ich sage einfach,
daß ich mitkomme. Wir gehen raus, die frische Luft ist wie ein Schlag ins Gesicht.
Nebenan vor einem schlecht erleuchteten Laden stehen Leute auf der Straße, die alle
aussehen wie Künstler, Menschen ohne Geschmack, Stolz und Internetzugang, und mein
Begleiter sagt: "Das ist das Möbelgeschäft."
Er erzählt von einem Basenbrock, der der Besitzer dieses ominösen Geschäfts sei, während
ich mir beim Gehen schon mit einer Hand ein Auge zuhalten muß, um nicht umzufallen.
Mindestens drei Straßenzüge lang kriege ich jetzt die Geschichte von Basenbrock
aufgetischt. Brillant, sage ich, brillant, ich sollte mich mehr mit diesem
Situationismuskack beschäftigen, und dann bitte ich ihn, mir mal kurz sein Handy
auszuleihen, weil ich Ines anrufen will. Es piepst, es wird abgenommen, und ich sage:
"Ich bin's. Ich wollte -"
Schweigen am anderen Ende der Leitung. Dann eine männliche Stimme: "Was ist?", und ich
lege auf und gebe das Handy zurück.
"Niemand da?" fragt mein Begleiter, und ich sage, daß ich die Nummer nicht richtig im
Kopf habe. Was leider gelogen ist.
Wir zwängen uns durch ein großes Eisentor in einen Hinterhof, wo wir vor lauter
Dunkelheit stehenbleiben. Als sich meine Augen an die Lichtverhältnisse angepaßt
haben, erkenne ich am Ende des Hofes hinter dem Bauschutt einen Kellereingang, wo
viele Leute rein- und rausgehen. Auf den Treppenstufen brennen ein paar Teelichte,
und die Luft, die von unten kommt, ist am Anfang so schlecht, als wäre da gar keine Luft.
Wir steigen in dieses schmutzige Loch, und ich habe so eine Vorahnung, daß das doch
alles nicht gutgehen kann.
Das Gewölbe ist an den höchsten Stellen vielleicht einsneunzig hoch, ständig knallt
man mit dem Kopf an irgendwelche Eisenträger. Aber es ist ziemlich weitläufig und
verzweigt, und das Gute daran ist, daß ich Enrique sofort aus den Augen verliere.
Der heißt nämlich Enrique, das fällt mir jetzt wieder ein.
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